
Das Wide-Release ist heute gängige Praxis bei der Erstaufführung eines Filmes. Doch das war nicht immer so. In den Anfangstagen des Kinos war es üblich, Filme in wenigen Kinos exklusiv zu zeigen. Doch mit dem Aufkommen des Fernsehens, sowie der Verlagerung der Publikumszielgruppe auf die Jugendlichen änderte sich dies bereits in den 1960er Jahren. Schliesslich zeigten "Billy Jack" und "Der Mann ohne Nerven", dass ein Wide-Release finanziell sehr lukrativ sein kann...
Am 1. Mai 1971 startete Tom Laughlins "Billy Jack" in den US-Kinos. Der ehrgeizige Laughlin fungierte bei dem Neo-Action-Western als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent und steckte 800'000 $ in den Film. An den Kinokassen war "Bill Jack" kein grosser Renner. Die Verleiheinnahmen betragen auf dem US-Markt am Ende seiner Laufzeit 4 Mio. $.
Laughlin ist alles andere als begeistert und verklagt den Verleiher Warner Bros. Seiner Meinung nach hat das Studio seinen Film total falsch vertrieben und vermarktet. Mit seiner Klage kommt er nicht durch, doch die Warner Bros zeigt sich kooperativ und willigt ein, "Billy Jack" nochmals ins Kino zu bringen. Richard Lederer, der bei der Warner als Produzent und Werbefachmann fungierte, sagte folgendes: "Wir behandeln diesen Film, als ob er nie zuvor in den Kinos gezeigt wurde".
Laughlin durfte dabei die gesamte Werbekampagne und auch die Veröffentlichungsform bestimmen. Er entschied sich für das damals populäre Four-walling und ein Wide-Release. Beim Four-walling mietet ein Produzent oder Filmstudio das Kino selbst und streicht dafür ein Grossteil der Kinokasseneinnahmen ein.
Laughlin führte jedoch auch neue Elemente hinzu und liess eine Marktanalyse durchführen. Diese berücksichtigte sowohl die Bevölkerungsdichte als auch deren Präferenzen. Seine Werbekampagne schnitt er dabei auf die jeweilige Region sowie die Publikumssegmente zu. Er wollte dabei nicht nur das jugendliche Publikum ansprechen sondern auch diejenigen mittleren Alters und solche, die selten ins Kino gingen. Seine Strategie ging auf und "Billy Jack" brachte bei seiner Wiederaufführung 13 Mio. $ ein - über das dreifache seines Ersteinsatzes.
Für die Fortsetzung, "The Trial of Billy Jack", wollte Laughlin noch einen draufsetzen und ihn in möglichst vielen Kinos gleichzeitig veröffentlichen. Die bewährte Four-walling-Methohde wollte er dabei beibehalten. Mit der Warner Bros konnte er schliesslich erneut einen Deal aushandeln. Diesmal war Laughlin jedoch nicht mehr für die vollständige Auswertung zuständig. Er sollte nur für die ersten sechs Wochen zuständig sein, anschliessend würde die Warner Bros übernehmen.
Das Sequel startete in den USA schliesslich am 13. November 1974 simultan in 1'000 Kinos. Damit brach "The Trial of Billy Jack" Wide-Release-Rekorde. Doch nicht nur in punkto Anzahl Kinos, sondern auch in Sachen Umsatz war der Streifen spektakulär. Innerhalb von fünf Tagen spielte er 9 Mio. $ ein. Damals eine beeindruckende Summe.

Das Mega-Wide-Release von "The Trial of Billy Jack" war für die Filmindustrie wegweisend. Doch lag es nicht allein an dem Release selbst, sondern auch an der damit einhergehenden Werbekampagne. Diese konzentrierte sich nebst der Werbung in den Druckmedien insbesondere auch auf die TV-Werbung. Eine zwar teure, aber für die Studios immer wie populärer werdende Strategie.
Die Columbia übernahm schliesslich die Veröffentlichungsstrategie von "The Trial of Billy Jack" für ihr neues Charles Bronson Actionvehikel "Der Mann ohne Nerven" und startete den Streifen am 21. Mai 1975 in 1'350 Kinos. Bronson hatte zuvor überraschend den Actionhit "Ein Mann sieht rot" (1974) zu verbuchen, der weltweit Verleiheinnahmen von 20,3 Mio. $ erwirtschaftete (davon 8,8 Mio. in den USA) und in Deutschland gar die Goldene Leinwand für über 3 Millionen Kinobesucher gewann.
"Der Mann ohne Nerven" wurde bei seinem Kinostart mit einer aufwändigen Werbekampagne unterstützt, welche sich auf über 3,6 Mio. $ bezifferte. Der Film selbst kostete dabei gerademal 1 Mio. $. Die Kampagne konzentrierte sich dabei auf sämtliche damals gängigen Werbemedien. U.a. wurden 1,25 Mio. $ für die TV-Werbung ausgegeben und am Radio 17'000 Spots veröffentlicht. Zusätzlich wurden eine Millionen Zeilen in Zeitungsartikeln gedruckt. Ein enormer Effort.
Die Kinotheater wurden dazu verpflichtete, täglich Reports über die Kinokasseneinnahmen an die Columbia zu übermitteln. Diese waren denn auch mehr als beeindruckend: In sechs Tagen hatte "Der Mann ohne Nerven" bereits 8,2 Mio. $ eingespielt und nach zwei Wochen bereit 12,7 Mio. $. Am Ende seiner Auswertung brachte er der Columbia Verleiheinnahmen von 16 Mio. $ und damit einen überaus lukrativen Profit.
Die Veröffentlichungsmethoden von "Billy Jack" sowie dessen Fortsetzung und "Der Mann ohne Namen" verstärkten den Trend zum Wide-Release. Denn schliesslich hatte es trotz des enormen Aufwands den Vorteil, innert kürzester Zeit viel Einnahmen zu generieren. In den 1980er Jahren wurde das Wide-Release schliesslich zur gängigen Praxis und ist bis heute nicht mehr aus der Kinolandschaft wegzudenken.
Quellen:
- "In Theaters Everywhere: A History of the Hollywood Wide Release, 1913-2017" (2018, Brian Hannan)
- https://en.wikipedia.org/wiki/Breakout_(1975_film)#Box_office (englisch)
- https://en.wikipedia.org/wiki/Death_Wish_(1974_film)#Box_office (englisch)
- https://en.wikipedia.org/wiki/Four-wall_distribution (englisch)
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