
"Ein Horrorfilm aus deutschem Hause? Nee, dass kann nicht gutgehen. Das Horror-Publikum ist eh zu klein und eine Nische. Das kann nicht funktionieren." So ungefähr dürfte es wohl in der
deutschen Filmindustrie geklungen haben, als der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky und Produzent Jakob Claussen mit der Idee für "Anatomie" daherkamen. Doch irren ist
menschlich...
Horrorfilme zählen nicht gerade zum beliebtesten Genre auf dem deutschen Filmmarkt. Die Massen locken sie höchst selten in die Kinos und zuletzt schaffte dies nur der waschechte und zudem noch auf sehr bekanntem Material basierende Es (2017; Vorlage: Stephen King). Dieser knackte die 3-Millionen-Besucher-Marke, eine Grenze, von der die Mehrzahl der Horrorfilme nur träumen können. Im allerbesten Fall reichts für knapp 500'000 Eintritte, häufig jedoch für weit weniger. Ein Horrorfilm ist also auf ein sehr geringes Budget und eine internationale Vermarktung angewiesen.
Meist kommen Horrorfilme deshalb auch jenseits des grossen Teichs. Insbesondere dann, wenn es sich um härtere Kost handelt, wozu unter anderem auch der Slasher-Film zählt. Doch von diesen "Tatsachen" liessen sich Regisseur Stefan Ruzowitzky und Produzent Jakob Claussen nicht beeindrucken und sie wollten etwas ganz Besonderes schaffen: einen waschechten Horrorfilm aus deutschem Hause mit Slasher-Einschlag
Die Idee für die Story war denn auch schnell gefunden. So sollen harmlose Kommilitonen einer Elite-Universität für Experimente missbraucht werden. Das Ganze soll im Namen der Wissenschaft und unter der Ägide eines Geheimbundes stattfinden. Doch einer der Anhänger kommt auf Abwegen und mordet ein paar Kommilitonen zu viel. Der Slogan des Filmplakats war denn auch Programm: "Die einen studieren. Die anderen werden studiert." Ganz im Stil der US-Vorbilder sollte auch die Brutalität im Film nicht zu kurz kommen.
Schliesslich fanden Ruzowitzky und Claussen auch Geldgeber u.a. bei dem FilmFernsehFonds Bayern, der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg und der Filmförderungsanstalt. Alles in allem kratzten sie schliesslich schätzungsweise 8,4 Mio. DM zusammen. Eine stattliche Summe für einen Horrorfilm.

Schliesslich kam "Anatomie" am 3. Februar 2000 in die Kinos. Mit einer FSK 16 Altersfreigabe war er genau im gewünschten Segment - nicht zu hoch, aber auch nicht zu niedrig eingestuft. Das Potenzial für eine stattliche Anzahl Kinobesucher war vorhanden. Wenig überraschend zeigten sich die Kritiker von "Anatomie" wenig angetan. Viele attestieren dem Horror-Streifen zwar technische Qualität und auch gelungene Schockmomente, doch bemängeln sie die fehlende Originalität und die zu starke Anlehnung an US-Genrevorbilder.
Doch das Kinopublikum sieht dies anders und strömt in die Kinos. In der Startwoche sehen sich in 386 Kinos über 442'000 Besucher den Film an. Doch statt wie bei Horrorfilmen üblich, fällt "Anatomie" in der zweiten Woche nicht ein und lockt stattdessen nochmals über 419'000 Besucher in die Vorführsäle. In der Woche drauf kommt er immer noch auf über 302'000 Eintritte. Zu diesem Zeitpunkt hat "Anatomie" die 1-Million-Besucher-Marke geknackt und weist 1'164'106 Eintritte auf. Ein Riesenerfolg.
Doch es kommt noch besser. Trotz der durchwachsenen Kritiken hält sich der Streifen sehr gut in den Kinos und fällt nur langsam. In der neunten Spielwoche knackt "Anatomie" immer noch die 100'000-Besucher-Marke und lockt fast 102'000 Deutsche in die Kinos. Am Ende seiner Kinoauswertung erreicht Ruzowitzkys Film sage und schreibe 2'017'770 Eintritte. Damit ist "Anatomie" nicht nur der erfolgreichste deutsche Film des Jahres 2000, sondern auch erfolgreicher als zahlreiche grosskalibrige Hollywood-Slasherstreifen wie z.B. sämtliche "Scream"-, "Halloween"- oder "Nightmare on Elm Street"-Filme. Auch verglichen mit neueren Horror-Hits hat "Anatomie" die Nase vorn.
2024 erschien kein einziger Horrorfilm, der auch nur annährend an die Besucherzahlen des deutschen Horror-Streifens heranreichte - im Gegenteil. Weder "Alien: Romulus" noch "Smile 2 - Siehst Du es auch?" gelang es, die 1-Millione-Besucher-Marke zu durchbrechen.
"Anatomie" gelang es auf äusserst beeindruckende Weise, die Gesetze des Horrorfilms für den deutschen Kinomarkt auszuhebeln. Wenig überraschend liessen die Produzenten deshalb auch eine Fortsetzung drehen. Diese erschien dann am 06. Februar 2003 unter dem simplen Titel "Anatomie 2" in den deutschen Kinos. Doch den gewaltigen Erfolg seines Vorgängers konnte das Sequel nicht mehr wiederholen und platzierte sich mit 721'583 Besuchern im soliden Mittelfeld des Horrorfilms. Damit musste sich "Anatomie 2" gegen die US-Überraschungshits "Ring" (1'001'202 Besucher) und "Identität" (725'577 Besucher) geschlagen geben.
Quellen:
- https://www.insidekino.de/DJahr/D2000.htm (Besucherzahlen)
- https://www.jpbox-office.com/fichfilm.php?id=10089&view=4 (französisch; Besucherzahlen nach Wochen)
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