Was heute üblich ist war in den Anfangstagen des Kinos noch exotisch: Filme mit einer Laufzeit von eineinhalb Stunden. Doch in den 1910er Jahren änderte sich dies schlagartig. Dank Exporten aus Übersee - insbesondere Italien - konnte sich der "Langfilm" immer öfter auch auf dem amerikanischen Markt durchsetzen. Der Spielfilm nahm Form an...
In der frühen ersten Hälfte der 1910er Jahre stieg die Nachfrage seitens der Filmemacher sowie des Publikums nach Filmen mit längerer Laufzeit. Üblich waren meist Filme mit einer Laufzeit von bis zu 15 Minuten. Die Länge eines Films wurde zu dieser Zeit noch immer von der MPPC (Motion Picture Patents Company) vorgegeben und beschränkte sich auf eine Filmrolle, was ungefähr 15 Minuten Film entspricht.
Der Trust bekämpfte sämtliche Bemühungen, Filme mit einer Laufzeit von mehreren Filmrollen zu zeigen. Dies veranlasste einige Regisseure dazu, anstatt der damals üblichen 16 Bilder pro Sekunde lediglich 10 - 12 Bilder zu verwenden. Auf diese Weise konnte mehr Story in den Film gepackt werden.
Erste Versuche, einen Film mit einer Laufzeit von mehr als einer Filmrolle zu zeigen, versuchte 1909 die unabhängige Filmgesellschaft Vitagraph mit "The Life of Moses". Doch der Versuch scheiterte, da keine Möglichkeit bestand, Filme, welche aus mehr als einer Filmrolle bestanden, zu verleihen. Aus diesem Grunde musste der Film dem Publikum in fünf Teilen gezeigt werden.
Weitere Versuche starteten 1911 D.W. Griffith mit "Enoch Arden" und Francis Boggs mit "The Danites". Doch auch diese Filme mussten in mehreren Teilen dem Publikum vorgeführt werden.
Aufgrund der monopolistischen Stellung der MPPC, welche erst Mitte des Jahrzehnts zerschlagen werden konnte, musste die Nachfrage nach längeren Filmen durch ausländische Produktionen befriedigt werden. So importierten US-Filmgesellschaften ausländische Kinohits wie z.B. Italiens "Quo Vadis?" (1912) und "Cabiria" (1914) und Frankreichs "Queen Elizabeth" (1912).
Diese Abhängigkeit bescherte ausländischen Filmproduzenten traumhafte Profite und eine Vormachtstellung auf dem amerikanischen Filmmarkt. Doch mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs sollte sich dies auf einen Schlag ändern und die USA konnte den Filmmarkt für sich erobern. Durch die Zerschlagung der MPPC konnten Filmemacher nun auch vermehrt Filme mit langer Laufzeit produzieren.
Trotz dieser Tatsache vollzog sich der Wandel nicht problemlos, da längere Filme auch gleichbedeutend mit höheren Produktionskosten einhergingen. Ausserdem waren die damals tätigen Filmverleihgesellschaften nicht auf den Vertrieb von Filmen mit langer Laufzeit eingestellt waren.
Dies hatte zur Folge, dass die Vertriebsstrukturen von Filmen wieder nach denen vor der MPPC verliefen und der Filmverkauf von Territorium zu Territorium stattfand. Dies hatte den Nachteil, dass die Gewinne nicht besonders hoch ausfielen, weswegen die Produktionskosten besonders niedrig gehalten wurden (zwischen 10'000 $ und 15'000 $). Dies stellte insbesondere bei Produktionen, welche über epische Inhalte verfügten, ein grosses Problem dar.
Diesem stellte sich D.W. Griffith, der aus Thomas Dixons Roman und Bühnenstück "The Clansman" das erste grosse Leinwandepos Amerikas erschaffen wollte. Insgesamt neun Wochen und über 110'000 $ benötigte Griffith um seinen Film, der unter dem Titel "Geburt einer Nation" 1915 in die Kinos kommen sollte, fertigzustellen. Für damalige Verhältnisse ein astronomischer Aufwand.
Damit der Streifen überhaupt vertrieben werden konnte, musste eigens eine neue Verleihgesellschaft gegründet werden. Diese veröffentlichte "Geburt einer Nation" schliesslich als Roadshow und mit stark erhöhten Ticketpreisen von 2 Dollar - üblich waren damals so um die 14 Cent. Trotz dieser für damalige Verhältnisse enormen Ticketpreisen spielte der Film bis 1918 weltweit 5,2 Mio. $ ein, was ihn zu einem der erfolgreichsten Stummfilme seiner Zeit werden liess.
"Geburt einer Nation" markierte dadurch nicht nur den Beginn des epischen Blockbusters sondern half mit einer Gesamtlaufzeit von 187 Minuten (12 Filmrollen) den Langfilm bzw. Spielfilm endgültig zu etablieren.