In den 1910er wurden die Karten auf dem Filmmarkt neu gemischt. Während Europa im Ersten Weltkrieg versank, konnte Hollywood seine Vormachtstellung erweitern. Doch in dem ganzen Tumult machte der Film entscheidende Entwicklungssprünge und veränderte seine Sprache nachhaltig...
Es waren nicht nur die ökonomischen Bedingungen die sich änderten sondern auch der Film selbst erlebte eine Evolution. Diese betraf insbesondere die Filmsprache in mehrfacher Hinsicht.
Waren in den frühen Tagen des Films harte Schnitte die Regel, so experimentierten die Filmemacher nun vermehrt mit verschiedenen Techniken. Der Italiener Giovanni Pastrone etablierte z.B. in seinem zwölf Filmrollen umfassenden und 250'000 $ teuren Epos "Cabiria" (1914) den sogenannten Traveling Shot (auch Tracking Shot genannt). Bei dieser Filmtechnik bewegte sich die Kamera mit Hilfe eines Kamerawagens mit der Szenerie bzw. dem Protagonisten mit und durch das nähere heranfahren glich es einer primitiven Form des späteren Zoom. Zur damaligen Zeit waren diese Aufnahmen aus "Cabiria" einer tricktechnischen Revolution gleichzusetzen und befreiten den Film damit von seinem statischen Blick.
Der Traveling Shot war zwar eine Errungenschaft der Technik, doch am Ende markierte er auch einen bedeutenden Eintrag in die noch relativ junge Grammatik der Filmsprache. Denn mit dem Traveling Shot gelang es noch mehr, den Zuschauer in die Handlung mit einzubeziehen.
Mit dem Traveling Shot war aber noch lange nicht Schluss beim Neuschreiben der Filmsprache. Während die technischen Neuerungen wie z.B. der Einsatz von künstlicher Belichtung, die Feuereffekt sowie das low-key lightning (eine Beleuchtungsmethode, bei der der grösste Teil des Bildausschnitts dunkel bleibt) durchaus wichtig waren, stellte die Parallelmontage für Filmsprache einen bahnbrechenden Beitrag dar.
Dank dieses "Tricks" konnten Handlungselemente, welche sich zeitgleich abspielen, erstmals aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt werden. Auch war es möglich, Ereignisse, welche sich räumlich an unterschiedlichen Orten, jedoch gleichzeitig abspielten, gezeigt werden. Dies konnte die Tonalität und den emotionalen Gehalt einer Handlung entscheidend beeinflussen.
Obwohl die Parallelmontage bereits früher angewendet wurde (so u.a. in der französischen Komödie "Le cheval emballé", 1907, und in D.W. Griffiths Krimi "The Fatal Hour", 1908), wurde sie in den 1910er Jahren perfektioniert und fand ihren festen Platz in der Filmsprache. Insbesondere in der US-Filmindustrie war sie beliebt, da die Technik erlaubte, uninteressante Teile der Handlung zu eliminieren und dadurch die Handlung voranzutreiben.
Neben der Parallelmontage war der Point-of-View-Shot (kurz: POV) ein weiterer bedeutender Schritt in der Evolution der Filmsprache. Bei dieser Technik wird die Sicht aus der Perspektive des Protagonisten gezeigt. So wird z.B. in "The Story of the Glove" (1915) für einige Sekunden und mit wackeliger Handkamera eine Tür und ihr Schlüsselloch aus Sicht eines betrunkenen Mannes dargestellt. Heute gehört die Point-of-View-Einstellung zum Standardrepertoire der Filmsprache und findet besonders oft im Horrorfilm - insbesondere im Subgenre des Slasher - und im Thriller Verwendung.
Eine weitere Errungenschaft, die auch dank neuer Technik möglich war, war die Verwendung anamorpher Bilder. Diese fanden erstmals in Abel Gances Film "La Folie du Docteur Tube" (1915) Verwendung. In dem Streifen wurde die Wirkung eines Medikaments, welches einer Gruppe von Menschen verabreicht wurde, mit Hilfe von Zerrspiegeln visuell dargestellt. Die Verzerrungen stellten dabei den geistigen Zustand der Probanden dar und waren eine weitere innovative Erzähltechnik, welche dem Zuschauer die Innenwelt der Protagonisten nahebringen wollte.
Neben diesen visuellen Techniken, war es jedoch auch wichtig, Dinge, die nicht durch Bilder dargestellt werden konnten, zu veranschaulichen. Der Stummfilm nutzte deshalb Zwischentitel als Hilfestellung. Diese enthielten Dialogzeilen, welche wesentlich für die Handlung waren und liessen die Protagonisten im weitesten Sinne "sprechen".
Die Zwischentitel wurden seit 1908 immer mal wieder verwendete, fanden jedoch ihren definitiven Einzug ins filmische Narrativum erst in den 1910er Jahren. Dies war u.a. auch der Entwicklung des Langfilms geschuldet, der nun gänzlich andere Handlungen ermöglichte und somit das Erzählspektrum des Films stark ausweitete.
Dies hatte auch zur Folge, dass immer wie mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Handlungselementen unterschieden werden musste. Auch musste immer mehr auf Autoren zurückgegriffen werden, welche die Handlung anpassen und vereinfachen mussten. Dies entsprach einer frühen Form des Drehbuchschreibens.
Durch die komplexeren und längeren Handlungen schälten sich auch erstmals Filmgenres heraus. Ursprünglich wurde nur in Komödie und Drama unterteilt, doch bald schon erwies sich die Vielfalt als zu gross und es entstanden zahlreiche neue Genres und Subgenres. Das Genre diente dem Studio auch als willkommenes Werbemittel um die jeweilige Zielgruppe direkt anzusprechen. Genres zählten jedoch auch im weitesten Sinne zur Filmsprache, da sie einen Film bereits eine Art Verpackung geben, welche meist auch den Stil der Filmsprache festlegt.
Nebst der Genrebildung wurden aber auch ganz handfeste Stilmittel zur Erweiterung der Filmsprache verwendet. So erfreute sich das Einfärben von Filmen grosser Beliebtheit. Anhand der verschiedenen Farben konnte somit eine Szenerie, Stimmung oder Emotion verstärkt werden. So war eine bernsteinfarbene Tönung sinnbildlich für den Tag oder die hell erleuchtete Nacht, die blaue Tönung suggerierte die Morgendämmerung oder schlecht beleuchtete Nacht, während die rote Tönung häufig für Feuer- oder Kriegsszenen verwendet wurde. Der Aura des mystischen wurde mit Hilfe von grünen Farbtönen hervorgerufen. Mit der Einfärbung schuf die Filmindustrie also eine Art Code, der vom Publikum intuitiv verstanden werden konnte.
Interessanterweise war es auch üblich und weit verbreitet, dass abendfüllende Spielfilme generell sepiafarben getönt wurden. Beeindruckende Beispiele hierfür sind D.W. Griffiths Bürgerkriegsepos "Die Geburt einer Nation" (1915) und im darauffolgenden Jahrzehnt die Horrorstreifen "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" (1920) sowie "Das Kabinett des Dr. Caligari" (1920). Um 1920 waren getönte Filme so beliebt, dass zwischen 80 und 90 Prozent aller Stummfilme diesem Prozess unterworfen wurden.
Neben diesen visuellen Stilmitteln experimentierte die Filmindustrie aber auch weiter mit der Erzählstruktur ihres Produkts. So wurde u.a. auch die narrative Technik des Flashback wieder aufgegriffen und kultiviert. Beim Flashback springt die Handlung vom aktuellen Zeitpunkt zurück in die Vergangenheit und erläutert, wie es zur Gegenwart gekommen ist. Es ist also eine anachronistische Erzählform. Auf diese Erzähltechnik wird auch heute noch gerne und oft zurückgegriffen und sie ermöglicht es, dass Geschehene in ganz anderem Licht darzustellen.
Die 1910er Jahre stellten für das Medium Film trotz des düsteren Schatten des Ersten Weltkriegs also eine äussert kreative Phase der Selbstfindung dar und in dem Jahrzehnt wurden die Grundsteine für zahlreiche visuelle und erzählerische Stilmittel gelegt, welche auch heute noch in der einen oder
anderen Form bestand haben.
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