Ganz unter dem Motto "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" regierte die Motion Picture Patents Company - kurz MPPC - über den amerikanischen Filmmarkt. Dabei spielte die Filmpatentkontrollstelle teils mit zweifelhaften Geschäftspraktiken ihre Macht aus...
Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 tobte in der Filmwelt ein Krieg ganz anderer Natur. Hauptsächlich ging es darum, wer den neuen Filmmarkt kontrollieren soll. Mit Gründung der MPPC (Motion Picture Patents Company) im Jahre 1908 folgte ein erster und entscheidender Schritt zur Kontrolle des noch relativ jungen und ständig in Veränderung befindlichen Filmmarkts.
Ziel der MPPC war es, die ihr angeschlossenen US-Filmgesellschaften sowie deren ausländische Zweigstellen wirtschaftlich zu stärken und dadurch der ausländischen Konkurrenz den Zugang zum amerikanischen Markt zu erschweren. Mit zweifelhaften Geschäftspraktiken versuchte die MPPC ihre Machtstellung zu erhalten und legte u.a. fest, wieviele Filme eine Filmgesellschaft pro Woche auf den Markt bringen durfte. Damit regulierte die MPPC auch, wie Filme vertrieben und vorgeführt werden durften. Mit diesen Strategien hoffte sie auch, den internen Wettbewerb anzukurbeln und dadurch die Qualität amerikanischer Kinofilme zu erhöhen.
Eine Praktik zur Erhaltung der wirtschaftlichen Dominanz bestand darin, Filme nur an Filmbörsen und Kinos zu verkaufen, welche von der MPPC lizenziert waren. Von der MPPC lizenzierte Kinos hatten zudem eine wöchentliche Lizenzgebühr für die von ihnen verwendeten Filmprojektoren zu entrichten.
Nebst diesen bereits rigiden Bedingungen ging der Trust auch gegen Kinos, welche über keine Lizenz verfügten, juristisch vor. So kam es, dass mit der MPPC das erste sogenannte Oligopol in der Geschichte der USA entstand. 1910 schliesslich gründete der Trust mit der General Film Company einen Vertriebsarm, der der MPPC zu noch mehr Macht auf dem Filmmarkt verhalf.
Mit der Gründung der General Film Company wurde das umstrittene Block Booking sowie die Zonenbeschränkung eingeführt. Das Block Booking zwang den Filmabnehmer dazu, sämtliche Filme eines bestimmten Herstellers zu beziehen und nicht nur einige wenige. In den späteren Jahrzehnten wurde dieses System auch von den Filmstudios in Hollywood übernommen, bis es schliesslich Ende der 1940er Jahre gesetzlich verboten wurde. Die Zonenbeschränkung wiederum stellte sicher, dass sich zeitgleich erscheinende Filme vom selben Hersteller nicht gegenseitig konkurrieren konnten.
Wesentlich zur Bildung der MPPC trug der exzentrische Unternehmer Thomas Alva Edison (1847-1931) bei. Er erwies sich schon früh als gewiefter Geschäftsmann und war auch der Ausübung von Kontrolle alles andere als abgeneigt. Bereits in den 1890er Jahren besass Edison eine Mehrzahl der wichtigsten US-Patente für Filmkameras.
Mit seinen Patentklagen gegen zahlreiche inländische Konkurrenten ging Edison nicht gerade zimperlich vor und legte damit die US-Filmindustrie nahezu lahm. Am Ende ballte sich die Marktmacht nur noch bei seiner eigenen Firma, der Edison Manufacturing Company, und der Konkurrenzfirma Biograph, die ein anders Kamerverfahren verwendete. Diese nachteilige Situation zwang die übrigen Konkurrenten zum verstärkten Export von französischen und britischen Filmen.
Zudem setzte Edison Verleiher und Kinobetreiber bereits ab 1902 unter Druck und teilte ihnen mit, dass, falls sie nicht seine Maschinen benutzen würden, er sie mit dem Vorwand verklagen würde, dass sie Filmproduktionen, welche Edisons Patente verletzen, unterstützen würden. Erschöpft von den zahlreichen Prozessen, traten im Jahr 1907 Vertreter der grossen Konkurrenzfirmen Essanay, Kalem, Pathé Frères, Selig und Vitagraph an Edison heran, um Lizenzvereinbarungen auszuhandeln.
Kennzeichnend für Edisons Kompromisslosigkeit wurde von den Lizenzvereinbarungen sein grösster Konkurrent Biograph ausgeschlossen. Dieser war dem Erfinder schon lange ein Dorn im Auge und er wollte ihn mit allen Mitteln vom Markt verdrängen. Ausserdem liess er neben den grossen Konkurrenten keine weiteren Lizenznehmer zu. Damit wollte Edison den Markt für die derzeitigen Hersteller erhalten und nicht das Feld für alle Konkurrenten öffnen. Mit seiner wirtschaftlichen Vormachtstellung schuf Edsion also die idealen Bedingungen für die MPPC.
Die Gründung der MPPC führte dazu, dass die führenden europäischen Filmproduzenten im Februar 1909 in Paris einen Kongress abhielten. Ziel war es, in Europa eine ähnliche Organisation zu gründen wie die MPPC. Zur Gruppe gehörten auch die MPPC-Mitglieder Pathé und Vitagraph, die aber vor allem umfangreiche europäische Produktions- und Vertriebsinteressen hatten. Als Pathé, damals noch das grösste Unternehmen der Welt, sich schliesslich im April desselben Jahres zurückzog, scheiterte das geplante europäische Kartell.
Die MPPC geriet aufgrund ihrer dubiosen Geschäftspraktiken immer wie mehr in den Fokus der US-Gesetzgebung. Diese stellte schliesslich im Rahmen des Gerichtsprozesses United States v. Motion Picture Patents Co am 01. Oktober 1915 fest, dass die Handlungen der MPPC "weit über das hinausgingen, was notwendig war, um die Nutzung von Patenten oder das damit verbundene Monopol zu schützen." Kurz gesagt: die Geschäftspraktiken wurden als illegal eingestuft, was schliesslich das Ende der MPPC bedeutete.
Zum Untergang der MPPC trug aber nicht nur das Gerichtsurteil des Obersten Gerichtshofs bei, sondern auch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der die US-Filmindustrie von einem Grossteil der europäischen Märkte ausschloss. Dieser Markt stellte einen signifikanten Anteil an den Einnahmen und Profiten für die MPPC-Mitglieder dar.
Ein erster Rückschlag für die MPPC ereignete sich ausserdem bereits im Jahr 1911, als die Eastman Kodak ihren Exklusivvertrag mit der MPPC änderte und sein Rohfilmmaterial auch an nicht lizenzierte Unabhängige anbot. Dadurch stieg die Zahl der Kinos, die unabhängige Filme zeigten, innnerhalb von von nur zwölf Monaten um 33 Prozent an, womit sie am Ende rund die Hälfte aller Lichtspielhäuser beliferten.