Der Tonfilm - Die Leinwand beginnt zu sprechen


"Der Jazzsänger" (1927) ermöglichte die grosse Revolution des Tonfilms
"Der Jazzsänger" (1927) ermöglichte die grosse Revolution des Tonfilms

 

Let's talk: In den Roaring Twenties sorgte vieles für Sensation. Doch der Durchburch des Tonfilms glich einer wahren Revolution. Das Kino sollte nie mehr so sein wie vorher und verbannte die Stille endgültig zum Schweigen...

Mit der Premiere von Warner Bros. "Der Jazzsänger" wurde am 6. Oktober 1927 eine neue Ära des Films eingeleitet. Obwohl bereits zuvor mit Ton in Filmen experimentiert wurde und auch die Fox-Studios längere Zeit an der Entwicklung eines Tonsystems arbeiteten, machte "Der Jäzzsänger" den Tonfilm der breiten Masse bekannt. 

 

Der Streifen enthielt jedoch noch nicht nicht übermässig viel Dialog und begeisterte vor allem mit seinen Gesang- und Musikeinlagen. Al Jolson spielte in "Der Jazzsänger" den jüdischen Sänger Jakie Rabinowitz, der gegen den Willen seines Vaters zum Jazzsänger wird und schliesslich am Broadway riesige Erfolge feiert.

 

Das produzierende Warner Bros.-Studio wollte mit "Der Jazzsänger" primär einen Film drehen, in welchem Musik und Gesang synchronisiert wurden. Dadurch war kein Dialogmanuskript notwendig. Ironischerweise war es also nicht das Ziel der Warner Bros., den "ersten" Tonfilm der Geschichte zu schaffen. Dennoch gilt der Streifen heute als der Beginn des Tonfilms.

 

Dies ist auch kaum verwunderlich, da "Der Jazzsänger" die Kinokassen zum klingeln brachte und weltweit 2,62 Mio. $ einbrachte. Die Warner Bros. machte mit dem Streifen schliesslich ein Profit von 1,19 Mio. $, was damals noch eine immense Summe war.

 

Der Hauptgrund war aber natürlich nicht nur der kommerzielle Erfolg des Streifens sondern Al Jolsons berühmte Monolog-Passage. Diese lautete im Original:

 

"Wait a minute, wait a minute! You ain’t heard nothin’ yet! Do you wanna hear ‚Toot-toot-tootsie‘?"

 

Insbesondere der Ausspruch "You ain't heard nothin' yet!" (zu deutsch: Ihr habt noch gar nichts gehört!) wurde dabei zur geflügelten Redewendung für die Geburt des Tonfilms. Dabei ging ganz vergessen, dass in "Der Jazzsänger" nur noch eine weitere Sprachsequenz von 354 Wörtern vorkam. Dabei handelte es sich um ein Gespräch zwischen Al Jolson, Eugenie Besserer und Warner Oland. Letzterer musste auch nur das Wort "Stop" aussprechen.

 

Dennoch bewog der grosse Kassenerfolg von "Der Jazzsänger" die grossen Filmstudios zum Umdenken und diese investierten fortan in die Produktion von Tonfilmen sowie in den Aufbau der dazu notwendigen Infrastruktur. Ein Strukturwandel, der zwar immense Kosten verursachte, am Ende aber die Kinolandschaft tiefgreifend veränderte.

 

Der all-talking-Boom beginnt

 

Nachdem "Der Jazzsänger" den Grundstein für den Tonfilm legte bzw. diesen einem Massenpublikum schmackhaft machte, folgten in Windeseile weitere sogenannte all-talking-Pictures. Im Fachjargon wurden damals Filme bezeichnet, in denen überwiegend gesprochen wurde. Auch Talkies war ein weiterer gängiger Fachausdruck.

 

Die Filmstudios setzten nun vermehrt auf den Tonfilm und begannen, die Kinos umzurüsten. Doch dies bedeutete einen enormen finanziellen Aufwand, da sich die Umrüstung eines einzigen Kinos auf rund 15'000 $ belaufen konnte. Und allein in den USA gab es deren 20'000.

 

Die Warner Bros. trieb die Umstellung auf den Tonfilm konsequent voran und veröffentlichte 1928 innerhalb von nur drei Monaten gleich drei weitere Tonfilme ("Tenderloin", "Die Liebe der Betty Patterson" und "The Lion and the Mouse"). Diese kosteten jeweils zwischen 100'000 $ und 200'000 $, brachten weltweit jedoch je über 950'000 $ ein und warfen somit Profite ab.

 

Obwohl die Filme nicht vollständig als Tonfilme bezeichnet werden konnten und auch teils wenige Minuten Dialogpassagen enthielten, wurden sie in der Öffentlichkeit dennoch als solche wahrgenommen. Am 6. Juli 1928 veröffentlichte die Warner Bros. mit "Lights of New York" schliesslich ihren ersten echten all-talking-Streifen. Dieser spielte bei Produktionskosten von nur 23'000 $ weltweit 1,2 Mio. $ ein.

 

Mit "Der Schrecken vom Piccaddilly" brachte die Warner Bros. im selben Jahr schliesslich den allerersten all-talking-Horrorfilm in die Kinos. Dieser brachte trotz vernichtender Kritiken weltweit 1,46 Mio. $ ein (Kostenpunkt: 163'000 $) und stellte einen weiteren Triumph für den Tonfilm dar.

 

"Der Schrecken vom Piccaddilly" (1928), der erste Horrorfilm mit Ton
"Der Schrecken vom Piccaddilly" (1928), der erste Horrorfilm mit Ton

 

Die Warner Bros. war dabei stellvertretend für die grossen Major-Studios, die ebenfalls immer wie mehr auf den Tonfilm setzten.

 

Trotz dieser zahlreichen Tonfilm-Erfolge, benötigte es noch einige Jahre mehr bis sich der Tonfilm durchsetzen sollte. 1930 waren gerademal die Hälfte der 20'000 US-Kinos tonfähig. Der Hauptgrund dafür war jedoch nicht etwa mangelnder Publikumszuspruch - dieses votierte früh für den Tonfilm - sondern die unterschiedlichen Tonverfahren.

 

Das Lichttonverfahren setzt sich durch

 

Ende der 1920er Jahre buhlten bereits mehrere Tonverfahren ums Überleben. Für "Der Jazzsänger" wurde das Vitaphone verwendet. Bei diesem Verfahren wird der Ton auf eine Wachsplatte aufgezeichnet. Zum abspielen des Tons wird ein klassischer Projektor für das Bild verwendet und ein mechanischer Plattenspieler für die Wachsplatte. Diese beiden werden dann miteinander gekoppelt.

 

Das Verfahren hatte zwei markante Vorteile:

 

  • Die Herstellungskosten waren im Vergleich zu anderen Verfahren relativ gering, da die Projektoren bzw. Abspielgeräte weniger komplex und damit kostengünstiger waren
  • Die Tonqualität war - zumindest in den Anfangstagen - den anderen Verfahren überlegen

 

Die 20th Century Fox setzte jedoch auf ein anderes Verfahren als das Vitaphone. Bereits 1928 kaufte das Filmstudio die Rechte an der Nutzung des Lichttonverfahrens und trieb dieses auch wesentlich voran. 

 

Beim Lichttonverfahren war der Vorteil, dass sowohl das Bild als auch der Ton auf einem einzigen Medium kombiniert wurde. Dieses Verfahren hatte zu Beginn jedoch den Nachteil, dass die Projektoren enorm komplex waren, da sie sowohl Ton- als auch Bild wiedergeben mussten. Die Vorteile waren jedoch nicht von der Hand zu weisen:

 

  • Da keine zusätzlichen Plattenspieler benötigt wurden senkte dies die Vertriebskosten
  • Beim Lichttonverfahren konnte nachträglich Bearbeitungen erfolgen, während dies bei den Platten nicht möglich war
  • Die Abnutzung durch die Vorführung war wesentlich geringer als bei den mechanischen Platten, weshalb die Lebensdauer auch viel länger war

 

All diese Vorteile führten schliesslich dazu, dass sich das Lichttonverfahren in den Folgejahren durchsetzte und das Vitaphone schliesslich vollumfänglich aufgegeben wurde.

 

Der Tonfilm löst den Stummfilm ab

 

Bis zum Jahre 1935 waren sämtliche US-Kinos mit Ton versehen. Auch in Deutschland und den übrigen Teilen der Welt setzte sich der Tonfilm rapide durch. Während er 1929 in Deutschland noch mikrige 5% des Gesamtangebots ausmachte, stieg sein Anteil bis 1931 bereits auf 39%. Dieser rasante Erfolg war vor allem auch auf die Freigabe der zahlreichen Patente zurückzuführen.

 

Dennoch hatte der umwälzende Siegeszug des Tonfilms auch Opfer zu beklagen. So mussten auch zahlreiche Kinos schliessen, weil sie sich die Umstellung auf den Tonfilm finanziell schlicht nicht leisten konnten und gleichzeitig die Umsätze zurückgingen.

 

Obwohl es am Ende mehrere Tonverfahren gab, setzte sich das von den Fox-Studios favorisierte Lichttonverfahren relativ schnell durch, da es den Vorteil hatte, dass Bild und Ton auf demselben Trägermedium untergebracht werden konnten.

 

Im Zusammenhang mit der Umstellung auf den Tonfilm wird oftmals vergessen, dass der Stummfilm eigentlich gar nie richtig "stumm" war. Die Filme wurden in der Regel immer von einer Art Ton begleitet, sei es nur durch ein Live-Orchester oder einzelne Instrumentalisten. Der Film war also immer schon eine audiovisuelle Kunst.

 

Obwohl der Tonfilm vom Kinopublikum mit offenen Armen empfangen wurde, stellte er die Studios anfänglich vor grosse Probleme: Hatten Stummfilme den Vorteil, dass sie eine universelle Sprache verwendeten und sich Übersetzungen relativ einfach gestalteten (es mussten lediglich die Zwischentitel in die Zielsprache übersetzt werden), so sah dies beim Tonfilm schon anders aus. Nun mussten eigens Übersetzungen angefertigt werden, was natürlich einen erheblichen finanziellen Mehraufwand bedeutete.

 

Anfangs wurden gar mehrere Sprachversionen eines Films (im Fachjargon Multiple Language Version genannt) mit teils unterschiedlichen Schauspielern gedreht. Die Entwicklung eines neuen Tonverfahrens machte es schliesslich möglich, verschiedene Tonspuren zu kombinieren und legte so den Grundstein für die Synchronisation.