Die Schrecken des Ersten Weltkriegs waren auch in den 1920er Jahren noch nicht vergessen. Im Kino fing allmählich eine Verarbeitung statt. Doch statt viel Pathos gab es überraschend viel Tiefgang und Authentizität...
Kaum ein Genre vermochte zu Beginn der 1920er Jahre solch ein Boom zu entfachen wie der Kriegsfilm. Dabei ging es jedoch in keinster Weise um stumpfsinnigen Pathos oder blinde Verherrlichung sondern meist um die offene Auseinandersetzung mit den physischen und psychischen Konsequenzen des Krieges.
Erste Gehversuche wagte Regisseur Rex Ingram mit "Die vier Reiter der Apokalypse" (1921). Der Streifen machte Hauptdarsteller Rudolph Valentino über Nacht zum Superstar und war mit US-Verleiheinnahmen von 4,5 Mio. $ einer der erfolgreichsten Stummfilme aller Zeiten.
Valentino verkörpert den jungen Julio, der sich in die attraktive Marguerite verliebt. Als der 1. Weltkrieg ausbricht wird ihre Liebe auf eine harte Probe gestellt. Während Julio an die Front beordert wird und durch seine Tapferkeit Ruhm erlangt, arbeitet Marguerite als Krankenschwester in einem Lazarett. Doch Julio muss seinen Mut schliesslich mit dem Leben bezahlen und hinterlässt die trauernde Marguerite sowie seine Familie.
"Die vier Reiter der Apokalypse" war mit seiner kriegskritischen Haltung einer der ersten Antikriegsfilme Hollywoods.
Trotz des immensen Erfolgs von "Die vier Reiter der Apokalypse", liess die Kriegsfilmwelle jedoch noch etwas auf sich warten. Die entscheidende Wende kam mit King Vidors "Die grosse Parade", der im November 1925 in den US-Kinos startete. Kritik- und Publikum feierten die 382'000 $ teure Produktion euphorisch und mit US-Verleiheinnahmen von knapp 5 Mio. $ zählte er zu den grössten Kassenschlagern des Jahrzehnts. Allein bei seiner Erstaufführung erwirtschaftete "Die grosse Parade" für das produzierende MGM-Studio einen Profit von 3,4 Mio. $ - damals eine gigantische Summe.
"Die grosse Parade" erzählt die Geschichte des jungen Jim Apperson (John Gilbert), der sich während des Ersten Weltkriegs als Freiwilliger zum Kriegseinsatz meldet. In einem französischen Ausbildungslager führt er ein sorgloses Leben und verliebt sich in das einheimische Bauernmädchen Melisande (Renée Adorée).
Als er schliesslich an die Front beordert wird, muss er mit ansehen, wie zahlreiche seiner Kameraden fallen und wird schliesslich selbst so schwer verwundet, dass er ein Bein amputieren muss. Am Ende kehrt er schliesslich nach Frankreich zu Melisande zurück.
Wie bereits "Die vier Reiter der Apokalypse" thematisiert auch "Die grosse Parade" die physischen sowie psychischen Auswirkungen des Krieges und legte dabei eine für damalige Verhältnisse schonungslosen Realismus an den Tag.
Der Riesenerfolg von "Die grosse Parade" hielt den Studiobossen das finanzielle Potenzial des Kriegsfilmgenres vor Augen und sorgte dadurch für eine vermehrte Investition in solche Projekte. Bis zum Ende der Dekade folgten schliesslich "Flügel aus Stahl" (1927), "Rivalen" (1926), "Das Glück in der Mansarde" (1927) oder "Zeit des Flieders" (1928). Obwohl keiner der Filme den immensen finanziellen Erfolg von "Die grosse Parade" wiederholen konnte, hielten sie dennoch die Nachfrage nach Filmen des Genres aufrecht.
Während in "Die grosse Parade" jedoch in erster Linie die Auswirkungen des Krieges auf die Menschlickeit im Zentrum standen, so verlagerte sich in den nachfolgenden Filmen der Fokus eher aufs Spektakuläre. Besonders angetan zeigten sich die Filmemacher dabei von Luftschlachten, was nicht selten das Budget einer Produktion in die Höhe trieb.
Als Prototyp für diese neue Art von Kriegsfilm gilt William A. Wellmanns "Flügel aus Stahl" (1927). Dieser Streifen war mit einem Etat von 2 Mio. $ einer der teuersten Filme der Stummfilmzeit und einer der teuersten Kriegsfilme zum damaligen Zeitpunkt. Ein Grossteil des Geldes floss in die noch heute äusserst beeindruckenden Kriegsszenen. So fängt der Film gekonnt Boden- und Luftkämpfe ein, lässt Luftschiffe ebenso explodieren wie Doppeldecker-Flugzeuge.
Damit machte "Flügel aus Stahl" eindeutig einen Schritt Richtung Mainstream. Obwohl er am Ende auch die Schrecken des Krieges anprangert, weiss er diese auf äusserst spektakuläre und fast schon effekthascherische Weise in Szene zu setzen. Die Handlung ist dabei formelhaft und schlicht gehalten und zelebrierte tollkühnen Heldenmut. So erzählt der Film in aus heutiger Sicht klischeehafter und rührseliger Weise von zwei draufgängerischen Fliegerfreunden, die sich in die gleiche Frau verlieben. Das dabei einer der beiden den narrativen "Opfertod" erleiden muss, versteht sich von selbst und wurde später in ähnlich gelagerten Filmen oftmals kopiert.
An den Kinokassen war "Flügel aus Stahl" trotz dieser Abkehr von einer vertieften Auseinandersetzung mit den Schrecken des Krieges hin zu mehr oberflächlicher Kriegsaction ein gewaltiger Erfolg. Allein auf dem US-Markt brachte es des Streifen auf Verleiheinnahmen von 3,8 Mio. $. Damit spielte er nur geringfügig weniger ein als "Die vier Reiter der Apokalypse" und "Die grosse Parade" und hielt den Kriegsfilmboom aufrecht.
Obwohl der Kriegsfilmboom pünktlich Ende der Dekade - begünstigt durch das neu aufkeimende Muscial - ausklang, verschwanden Kriegsfilme nie von der grossen Leiwand. Grössere Wellen folgten in den 1940er und 1970er Jahren. Seitdem ist das Genre nicht mehr von den Leinwänden wegzugdenken und zahlreiche Meisterwerke hervorgebracht.
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