Epoche der Epen - Size Does Matter


"Ben Hur" (1926): Der Inbegriff des 1920er-Epos
"Ben Hur" (1926): Der Inbegriff des 1920er-Epos

 

 Gross, grösser, Epos: Die 1920er Jahre perfektionierten das später oftmals aufgegriffene Motto "Klotzen, nicht kleckern" und warfen mit epischen Gesichten nur so um sich. Ob Western oder Monumentalschinken, einzig auf die Grösse kam es an...

Das Kino der 1920er Jahre hatte den Hang zu grossangelegten Produktionen. Weder Kosten noch Mühen wurden gescheut um vergangene Epochen zum Leben zu erwecken. Die Bandbreite war dabei relativ gross - von der Antike über das Mittelalter bis hin zur Besiedlung des wilden Westens. Kaum etwas wurde ausgelassen.

 

Den Auftakt machte Ernst Lubitsch 1922 mit "Das Weib des Pharao", der mit einer Drehzeit von 10 Monaten und 126'000 Statisten sämtliche bis dahin geltenen Grössenordnungen sprengte. Der Film erzählt dabei die Geschichte eines tyrannischen Pharao (Emil Jannings), der sich unglücklich in eine Sklavin (Dagny Servaes) verliebt und dabei einen Krieg zwischen Ägypten und Äthiopien auslöst.

 

Seine Filmpremiere erlebte "Das Weib des Pharao" erstaunlicherweise nicht im deutschen Heimatland sondern in den USA. Erst drei Wochen später wurde das Monumentalepos in Berlin uraufgeführt. Für Regisseur Ernst Lubitsch bedeutete der Streifen der grosse Durchbruch in Hollywood, wo er später solch gefeierte Klassiker wie "Ninotschka" (1939) oder "Sein oder Nichtsein" (1942) drehte.

 

Noch im selben Jahr wie "Das Weib des Pharao" (1922) butterte das Paramount-Filmstudio rund 930'000 $ in "Robin Hood". Der Rächer der Enterbten wurde dabei vom bereits 39-jährigen Superstar Douglas Fairbanks verkörpert.

 

Das Alter war ihm auf der Leinwand jedoch nicht anzusehen und so kämpft er agil und treffsicher gegen Erzfeind Sheriff von Nottingham und um die Liebe von Maid Marian (Enid Bennett). "Robin Hood" brachte allein in den USA Verleiheinnahmen von 2,1 Mio. $ ein - mehr als genug, um die Paramount von weiteren monumentalen Projekten zu überzeugen.

 

Episches Kino: Cecil B. DeMilles erste "Die zehn Gebote"-Verfilmung von 1923
Episches Kino: Cecil B. DeMilles erste "Die zehn Gebote"-Verfilmung von 1923

 

Eines dieser Projekte sollte die Verfilmung der Geschichte Moses werden. Als Regisseur engagierte man Cecil B. DeMille (1881 - 1959), der später Experte für monumentale Stoffe werden sollte. Obwohl der mit "Die zehn Gebote" betitelte Film ursprünglich nur die Hälfte von "Robin Hood" kosten sollte, summierten sich die Ausgaben schliesslich auf die damals gewaltige Summe von 1,5 Mio. $. Glücklicherweise erwies sich das Bibelepos aber als riesiger Kassenschlager und hielt mit weltweiten Verleiheinnahmen von 4,2 Mio. $ mehrere Jahre lang den Einnahmerekord für das Paramount-Studio.

 

Doch nicht nur das Paramount-Studio setzte auf die Kraft epischer Geschichten. Auch MGM stieg auf den Zug epochaler Produktionen auf und gab grünes Licht für die Verfilmung von General Lew Wallaces (1827-1905) Besteller "Ben-Hur". Obwohl die Produktion bereits 1923 begann, sollte es über zwei Jahre dauern, bis der Streifen schliesslich mit Ramon Novarro und Francis X. Bushman in den Hauptrollen das Licht der Leinwand erblickte.

 

Die akribische Vorbereitungszeit sowie der enorme Aufwand der Sets, Massenszenen, Kostüme und Actionszenen sorgte dafür, dass das Budget von "Ben Hur" am Ende auf 4 Mio. $ anschwoll. Mit dieser Summe zählte das Historienepos nicht nur zum bis dato teuersten Film aller Zeiten sondern blieb auch der teuerste Stummfilm überhaupt.

 

An den Kinokassen war "Ben Hur" ein astronomischer Erfolg und einer der ersten grossen Blockbuster. Weltweit betrugen die Verleiheinnahmen 9,38 Mio. $ (davon 4,35 Mio. in den USA) - damals eine gigantische Summe. Dennoch war er bei seiner Erstaufführung nicht profitabel und schrieb einen Verlust von 698'000 $. Erst die Wiederaufführung im Jahr 1932 verhalf dem Streifen in die schwarzen Zahlen.

 

Epische Vielfalt: Während "Der Planwagen" (1923; Bild: J. Warren Kerrigan & Lois Wilson) dem wilden Westen frönte, entführte "Der Dieb von Bagdad" (1924; Bild: Douglas Fairbanks) das Publikum in den Orient
Epische Vielfalt: Während "Der Planwagen" (1923; Bild: J. Warren Kerrigan & Lois Wilson) dem wilden Westen frönte, entführte "Der Dieb von Bagdad" (1924; Bild: Douglas Fairbanks) das Publikum in den Orient

 

Während MGM mit "Ben-Hur" das römische Reich auferstehen liess, hauchte die United Artists mit "Der Dieb von Bagdad" dem Orient auf beeindruckende Weise Leben ein. Das Studio investierte dabei 1,13 Mio. $ und schätzungsweise acht Monate Drehzeit. Für die Hauptrolle konnte der "Robin Hood"-erprobte Douglas Fairbanks verpflichtet werden, der als Dieb von Bagdad mit Hilfe einer magischen Truhe eine Mongolen-Armee besiegt und das Herz einer attraktiven Prinzessin erobert. 

 

Gespickt mit eindrücklichen Spezialeffekten und spektakulären Schauwerten überzeugte der Streifen Kritik- und Publikum gleichermassen und entwickelte sich zu einem der grössten Kassenrenner des Jahres 1924. Allein auf dem US-Markt brachte das exotisch Abenteuer dem Verleiher 3 Mio. $ ein.

 

Nebst der Antike und dem Mittelalter erlebte auch die jüngere amerikanische Geschichte ihren epischen Leinwandauftritt. Mit "Die Karawane" kam im März 1923 erstmals ein Western mit grossem Budget (782'000 $) und grossen Bildern in die Kinos. Der Streifen schilderte das Leben einer Gruppe von Auswanderern, die sich 1848 von Kansas nach Oregaon aufmachen, um dort ein neues Leben zu beginnen. 

 

"Die Karawane" vereint dabei die für den Western typischen erzählerischen Elemente wie z.B. Angriffe durch Indianer, die Suche nach Gold und Machtkämpfe innerhalb einer Gruppe. Damit fungierte er als eine Art Prototyp für spätere Westernfilme. Mit US-Verleiheinnahmen von 3,5 Mio. $ machte der Streifen ausserdem das Genre populär und macht den Weg frei für John Fords epischen Streifen "Das eiserne Pferd" (1924).

 

Fords Streifen thematisiert dabei den Bau der Eisenbahn und kostete trotz monumentaler Bilder nur knapp über ein Drittel der Summe von die "Die Karawane". Obwohl er an den Kinokassen nicht den gigantischen Erfolg von "Die Karawane" wiederholen konnte, war "Das eiserne Pferd" ein grosser Kassenerfolg.

 

Epen sollten in den nachfolgenden Jahrzehnten schliesslich immer wieder zu Hollywoods Rettung in Erscheinung treten. Insbesondere in den 1950er Jahren, die aufgrund der Urbanisierung der amerikanischen Gesellschaft sowie des gigantischen Siegeszugs des Fernsehens einen enormen Publikumsschwund aufwiesen, war das epische Kino der Retter in der Not. Werke wie "Das Gewand" (1953), Die zehn Gebote (1956) und Ben Hur (1959) sorgten erfolgreich dafür, dass die Kinosäle nicht leer blieben.