Die gesellschaftliche Frivolität der 1920er Jahre hatte unerwartete Auswirkungen auf das Kino der 1930er Jahre. Immer mehr konservativen Vereinigungen stiess die Offenheit im Kino sauer auf und so kam es zur Schaffung einer Zensurbehörde und zur Einführung des Hays-Code...
Als Will Hays im März 1930 den Production Code veröffentlichte bahnte sich bereits zu Beginn der Dekade eine Verschärfung der Filmzensur an. Der Production Code enthielt eine Sammlung moralischer Grundsätze (die sogenannen "Don'ts" und "Be Carefuls"-Regeln), an die sich die Filmemacher halten sollten. Die Umsetzung des Codes scheiterte zu diesem Zeitpunkt jedoch an dessen Verbindlichkeit und viele Filmemacher ignorierten ihn schlicht und einfach.
Zudem befanden sich die USA mitten in der grossen wirtschaftlichen Depression. In dieser Zeit stellte das Kinopulikum althergebrachte Meinungen nur zu gerne in Frage und sympathisierte - zumindest auf der Leinwand - mit den Rechts- und Gesetzlosen.
Dies war mitunter ein Grund dafür, warum sich das Genre des Gangsterfilms solch grosser Beliebtheit erfreute. Für die Bevölkerung stellten die Charaktere des Gangsterfilms ein unvermeidliches Produkt einer verkommenen Gesellschaft dar. Die Protagonisten wurden mehr als Opfer denn als Täter angesehen.
Auch echte Gangster wie Al Capone oder John Dillinger stellten sich gerne in der Öffentlichkeit als Helden und Wohltäter dar. Dies förderte natürlich ein verzerrtes Bild vom Gangstertum, welches die Filme des Genres nur allzu gerne aufgriffen.
Und das sich mit der moralisch fragwürdigen Darstellung von Gangstern gutes Geld verdienen liess konnte nicht geleugnet werden. So spielte z.B. "Der kleine Cäsar" (1931) bei Produktionskosten von 281'000 $ allein in den USA 647'000 $ ein. Und auch "Der öffentliche Feind" (1931) war mit US-Verleiheinnahmen von 464'000 $ bei Produktionskosten von 230'000 $ ein grosser Erfolg.
Doch die immer wie brutaler werdenden Gewaltszenen konnten von der Zensur immer wie weniger ignorniert werden. Insbesondere dem ehemalige Politiker und Vorsitzenden der MPPDA (Motion Picture Producers and Distributors of America), Will H. Hayes (1879-1954), waren diese ein Dorn im Auge und er stufte die Notwendigkeit des Production Codes als dringlich ein.
Neben den Gangsterfilmen brachte auch Kurvenstar Mae West den Stein für die Zensurbehörden ins Rollen. Mit ihren von sexuellen Anspielungen und zweideutigen Dialogen wimmelnden Komödien "Sie tat ihm unrecht" (1933) und "Ich bin kein Engel" (1933) stiess sie insbesondere der konservativen Catholic League of Decency sauer auf.
Das US-Publikum jedoch liebte ihre Filme und strömte in Scharen in die Kinos. Während es "Sie tat ihm unrecht" auf Verleiheinnahmen von 2,2 Mio. $ brachte, spielte "Ich bin keine Engel" gar 2,25 Mio. $ ein. Damals astronomische Summen.
Die Beliebtheit der Filme stellten jedoch Probleme dar. Durch ihre moralisch ambivalenten Inhalte rückten sie ins Zentrum des US-Kongresses, der bereits in den frühen 1920er Jahre über ein Bundesgesetzt zur Kontrolle von Filminhalten debattierte. Der Production Code entschärfte dies mit seinen empfohlenen Richtlinen jedoch.
Nun geriet Hollywood durch seine kontroversen Produktionen aber wieder ins Visier der Behörden. Um einer gesetzlichen Kontrolle Vorschub zu leisten entschied sich deshalb die MPPDA im Juni 1934 für die Durchsetzung des Production Codes. Damit wurde der Code plötzlich Realität und zur Verpflichtung. Vergehen konnten nun mit Geldstrafen geahndet werden.
Damit griffen die im Production Code enthaltenen "Don'ts"- und "Be Carefuls"-Regeln umgehend. Dies hatte enorme Auswirkungen auf das zukünftige Filmschaffen. Regisseure konnten nun nicht mehr jede Szene so drehen, wie sie das für richtig hielten und bereits die Drehbücher unterlagen somit einer Art Vorzensur. Es wurde nur noch geschrieben, was auch gedreht werden konnte.
Im Gegenzug sorgten die teils rigorosen Auflagen für eine enorme Kreativität unter den Filmemachern. Viele Szenen und Handlungselemente konnten nur noch indirekt oder im "Off" dargestellt werden. So ereigneten sich z.B. Gewalttaten ausserhalb der Kamera mit Hilfe von Toneffekten. Auch sexuelle Handlungen fanden häufig nur noch symbolisch und andeutungsweise statt.
Der Production Code sollte rund 33 Jahre Bestand haben und schliesslich 1967 durch das weitaus liberalere System der Altersfreigabe (dem sogenannten Motion Picture Rating System) abgelöst werden.
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