Die grosse wirtschaftliche Depression der 1930er Jahre hatte fatale Folgen auf das nationale Selbstverständis der Amerikaner. Das Vertrauen in die Wirtschaftsinstitute sowie die Regierung schwindete. Dieses Klima förderte die Verherrlichung Krimineller und führte im Kino zur Geburt des klassischen Gangsterfilms...
Es gab wohl kaum eine Dekade, in der sich das Genre des Gangsterfilms über soviel Beliebtheit erfreuen konnte wie in den 1930er Jahren. Während in der Realität die Kriminanlität u.a. aufgrund des Prohobitionsgesetzes sowie der wirtschaftlichen Krise ihren Höhepunkt erreichte, wurde das Gangstertum im Kino fast schon idealisiert.
Obwohl in den meisten Gangsterfilmen der Bösewicht meist seiner gerechten Strafe nicht entging, so hatten die Gangster dennoch den Status eines Popstars. In gewissem Masse widerspiegelte dies auch die Realität, da Persönlichkeiten wie z.B. John Dillinger (1903-1934) oder Al Capone (1899-1947) vom Volk mitunter auch verehrt wurden.
Bereits zu Beginn der Dekade erschienen mit "Der kleine Cäsar" (1931), "Der öffentliche Feind" (1931) und "Scarface" (1932) drei unsterbliche Klassiker des Genres. Die jeweiligen Hauptdarsteller Edward G. Robinson, James Cagney und Paul Muni avancierten dabei zu den grossen Ikonen des Genres.
Inhaltlich wiesen die Filme unverkennbare Parallelen auf. So waren z.B. alle drei Hauptcharaktere in die USA emigrierte Katholiken, welche über wenig Bildung, dafür aber über umso mehr Ehrgeiz verfügten. Alle drei Charaktere versuchten der Armut zu entrinnen und etablieren sich dabei als kompromisslose Gesetzesbrecher. Am Ende erleiden sie alle einen gewaltsamen Tod. Diese Handlungs- bzw. Charaktereigenschaften sollten sich wie ein roter Faden durch den Gangsterfilm der 1930er Jahre ziehen.
An der Kinokasse hatten die drei Filme ebenfalls Gemeinsamkeiten: Sie waren allesamt grosse Erfolge und spielten jeweils allein in den USA über 450'000 $ ein. In
den krisengeplagten 1930er Jahren noch überaus solide Zahlen. Mit einem US-Verleiheinspiel von 905'000 $ war "Scarface" (1932) der erfolgreichste der drei Filme.
"Scarface" war jedoch auch filmhistorisch wegweisend und gilt als einer der besten Filme des Genres. Thriller-Spezialist Brian de Palma wagte sich 1983 an eine Neuverfilmung, die ebenfalls zum Klassiker avancierte.
Das Original, welches von Exzentriker Howard Hughes produziert wurde, hatte es bei seiner Veröffentlichung jedoch nicht leicht. Aufgrund der damals drastischen
Gewaltszenen und der Glorifizierung des Gangstertums erhielt "Scarface" keine Zulassung zur Kinoaufführung. So kam es, dass der bereits 1930 fertiggestellte Film erst 1932 und nach diversen
Anpassungen in den Kinos aufgeführt werden durfte.
Ein hervorstechendes Merkmal des Gangsterfilms der 1930er Jahre war die mehr oder weniger offensichtliche Kritik am Ideal des amerikanischen Traums. Zu Beginn ihrer Laufbahn werden die Hauptprotagonisten der Filme meist als Opfer widriger wirtschaftlicher oder familiärer Umstände dargestellt und können so auch als Produkt der Gesellschaft interpretiert werden.
Dies war mitunter auch ein Grund dafür, warum sich das Publikum mit den Gangstern trotz ihrer Grausamkeit und Skrupellosigkeit identifizieren konnte. Der Gangsterfilm enthielt somit auch immer eine nicht zu unterschätzende soziale Botschaft.
Dies war auch den Behörden bewusst und so war es kaum verwunderlich, dass mit Einführung des Hays Code vor allem Filme dieses Genres primäres Ziel der Zensur waren. So durften das Gangstertum zwar weiterhin auf der Leinwand dargstellt werden, allerdings mussten die kriminellen Protagonisten am Ende die Zeche für ihr Verhalten bezahlen. Dies bedeutete ironischerweise meist einen gewaltsamen Filmtod.