In den 1930er Jahren standen nicht nur Horrorgestalten und Gangster hoch im Kurs sondern auch die Exotik. Das Nonplusultra der Exotik war natürlich der Dschungel, der damals immer noch
als fremde Welt galt. Eine ideale Location also für ein Kinopublikum, welches der harten Realität entfliehen wollte...
Die 1930er Jahre begannen für die USA und den Rest der Welt nicht gerade verheissungsvoll. Der Börsencrash von 1929 zeigte immer wie mehr Auswirkungen auf den Alltag des Bürgers, die Arbeitslosenquote stieg rasant an und immer wie mehr Menschen gerieten ins soziale Abseits. Eine Zeit, die umso mehr nach Weltflucht rief.
Diese Sehnsucht nach einer heilen Welt oder der Flucht in fremde Welten - sei es auch nur für die kurze Dauer eines Spielfilms - war also enorm lukrativ. Und Hollywood bediente diese Sehnsucht nach bestem Können. So setzte es insbesondere auf das Musical- und den Horrorfilm als Heilsbringer. Aber auch der Gangsterfilm erfreute sich zunehmender Beliebtheit, insbesondere auch deshalb, weil hier die Verbrecher sinnbildlich für die grosse Depression standen und auch ihrer gerechten Strafe nicht entfliehen konnten.
Doch nebst diesen Genres kristallisierte sich auch eine neue Form des Abenteuerfilms heraus - der Dschungelfilm. Dieser zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass eine Gruppe abenteuerlustiger Männer - meist versierte Jäger - im Dschungel zahlreichen Gefahren trotzen. An ihrer Seite ist meist eine attraktive weisse Frau, die jedoch häufig nur als Beiwerk und "Jungfrau in Nöten" fungiert. Selten hat sie dabei eine aktive oder mitbestimmende Rolle. Ein Muster, dass in die damalige Zeit passte.
Neben der attraktiven Frau, war auch der primitive Eingeborene eine Konstante des Dschungelabenteuers. Dieser führt meist die mutigen Abenteurer in die abgelegensten Orte des Dschungeldickicht und gleich wie die weibliche Protaginistin hatte er selten etwas zu melden. Folglich bediente also auch die Figur des Eingeborenen die damals populären Klischees.
So eindimensional diese Stereotype heute auch wirken mögen, damals verhalfen sie dem Kinopublikum zur schnellen Orientierung und dieses konnte sich in erster Linie von der Kraft der exotischen Bilder gefangen lassen. Und diese waren für damalige Verhältnisse überaus spektakulär und mitreissend. Die Aura der stetigen Gefahr erhöhte zusätzlich den Unterhaltungswert des Dschungelfilms.
Einer der ersten und zugleich erfolgreichsten Vetreter des Dschungelfilms war "Trader Horn" (1931). Der Streifen erzählte die Geschichte des realen Abenteureres Alfred Aloysius Smith (1861-1931) und war der erste nicht dokumentarische Spielfilm, der an Originalschauplätzen gedreht wurde. So entstand der Streifen u.a. in Kenia, Tansania und dem Kongo. Damit warb die MGM denn auch ungeniert, was dazu führte, dass die 1,3 Mio. $ teure Produktion weltweit 3,59 Mio. $ einbrachte. Damals eine enorme Summe.
Der Erfolg von "Trader Horn" öffnete Tür und Tor für weitere Abenteuerfilme und schon bald erwies sich eine Adaption von Edgar Rice Burroughs Roman "Tarzan" als unumgänglich. Doch wer sollte diese physisch anspruchsvolle Rolle übernehmen und von Liane zu Liane schwingen? Wer konnte zudem noch schauspielerisch überzeugen? Die Wahl fiel schliesslich auf Schwimmstar Johnny Weissmüller. Dieser hatte mit fünf gewonnen Olympia-Goldmedaillen bereits einiges in petto und erwies sich als Idealbesetzung für den Lendenschurzträger.
Schliesslich stellte die MGM für "Tarzan, der Affenmensch" ein stattliches Budget von rund 652'000 $ zur Verfügung. Doch im Gegensatz zu "Trader Horn" entstand der Streifen nicht an Originalschauplätzen sondern überwiegend auf dem Studiogelände in Culver City (Kalifornien) sowie am Lake Sherwood nördlich von Los Angeles. Zusätzlilch fanden Aufnahmen in Silver Springs, Florida, statt. Für exotischere Szenen griffen die Produzenten auf Aufnahmen von "Trader Horn" zurück.
Obwohl "Tarzan, der Affenmensch" also eine durch und durch heimische Produktion war, konnte sie dennoch den Hauch der Exotik und das Dschungel-Feeling glaubhaft rüberbringen. Das Publikum zumindest kam in Scharen in die Kinos und machte den Streifen zu einem der grössten Kassenhits des Jahres 1932. Weltweit kamen 2,76 Mio. $ an Verleiheinnahmen sowie ein Profit von fast 1 Mio. $ zusammen, was für die Studiobosse Grund genug war, um weitere Tarzan-Filme folgen zu lassen. Bis 1948 entstanden so insgesamt zwölf Filme mit Johnny Weissmüller in der Titelrolle.
Doch neben dieser wohl ersten grossen Kinoreihe der Filmgeschichte, festigte "Tarzan, der Affenmensch" auch weiterhin das Vertrauen der Filmstudios in die Location Dschungel. Eine besondere Stellung nahm diese in dem Horror-Abenteuer "The Most Dangerous Game" (1932, Deutscher Titel: Graf Zaroff - Genie des Bösen) ein. Dort strandet ein Grosswildjäger auf einer einsamen Insel, welche von einem mysteriösen Grafen bewohnt wird. Nach anfänglich gastreundlichem Verhalten, offenbart ihm der Graf, dass er als Hobby Jagd auf Menschen mache. Kurz darauf wird der Grosswildjäger zusammen mit einer ebenfalls gestrandeten Frau in den Dschungel entlassen, wo er als Grosswild für den Grafen dienen soll.
Der Streifen ist für den Dschungelfilm insbesondere deshalb interessant, weil diesmal nicht der Dschungel selbst die grösste Bedrohung darstellt sondern der Mensch. Der Dschungel fungierte gar als Schutz und Versteck für die gejagten Hauptprotagonisten.
"The Most Dangerous Game" war selbstverständlich kein grosser Kassenhit da er sich primär an ein erwachsenes Publikum richtete und auch für damalige Verhältnisse drastische Gewaltszenen enthielt. Dennoch war er mit weltweiten Verleiheinnahmen von 443'000 $ bei einer Investition von 219'869 $ profitabel und brachte der RKO immerhin einen Gewinn von 70'000 $ ein.
Als Bedrohungskulisse kam der Dschungel jedoch bald wieder zu grossen Ehren. 1933 erschien nämlich ein unscheinbarer Fantasy-Horror-Film mit einem Riesenaffen in den Kinos. Zum Höhepunkt der wirtschaflichen Depression versetzte King Kong das zeitgenössische Kinopublikum nicht nur in Angst und Schrecken sondern auch in Erstaunen. Denn nie zuvor waren Spezialeffekte realer als in dem mitreissenden Abenteuerstreifen. Auch der Dschungel wurde selten besser, magischer und vielfältiger dargestellt als in "King Kong".
Der Streifen war so etwas wie die Kulmination des Dschungelfilms gleichzeitig aber auch grosses Gefühlskino voller Höhepunkte. An den Kinokassen war "King Kong" zwar erfolgreich, aber seine Performance war nicht so überwältigend, wie dies aus heutiger Sicht und aufgrund seines monumentalen Status in der Filmgeschichte angenommen werden könnte. Weltweit brachte es der Streifen auf ein Verleiheinspiel von 1,84 Mio. $ (Kosten: 672'000 $) und brachte der RKO einen Profit von 650'000 $. Zweifellos beeindruckende Zahlen, doch andere Filme seines Jahrgangs brachten noch mehr Kohle in die Kassen. Auf dem einheimischen US-Markt reichte es "King Kong" mit Verleiheinnahmen von 745'000 $ sogar nur für Rang 20 der Jahrescharts 1933. Ein Blockbuster sieht anders aus.
"King Kong" war auch formal nicht bahnbrechend. Vielmehr bediente er sich auf raffinierte Weise den zum damaligen Zeitpunkt etablierten Elementen des Dschungelfilms. Dazu gehörten:
Diese Elemente fanden sich in zahlreichen Dschungelfilmen der 1930er Jahre wieder. Ein häufig aufgegriffenes narratives Element war auch der Zusammenprall zweier Welten - der des Dschungels und der der Zivilisation. So wird "King Kong" schliesslich in den Grossstadtdschungel New Yorks verlegt, wo er als Attraktion und siebtes Weltwunder gefeiert wird.
Doch die Urgewalt des Dschungels bricht bald seine Bahnen und Kong hinterlässt eine Spur der Verwüstung in New York ehe er schliesslich von den düsteren Errungenschaften der Moderne zu Fall gebracht wird.
Auch im kurz nach "King Kong" erschienenen Dschungelfilm "King of the Jungle" wird eine "animalische" Figur seiner natürlichen Wurzeln entrissen. So stösst ein Geschäftsmann während einer Safari auf einen jungen Mann, der von Löwen grossgezogen wurde. Kurzerhand entschliessen er sich, denn Löwenmann mit nach Los Angeles zu nehmen und verkauft ihn dort einem Zirkus. Doch im Gegensatz zu "King Kong" gelingt in "King of the Jungle" die Zivilisierung der wilden Hauptfigur. Dies nicht zuletzt dank der Macht der Liebe.
Der Dschungelfilm der 1930er Jahre hatte also viele Facetten. Heute wird er aber nicht mehr als eigenständiges Genre angesehen und zählt schlicht und einfach zum Abenteuerfilm.