Die 1940er Jahre waren geprägt von Krieg, Unsicherheiten und Entbehrungen. Kein Wunder fingen Filme an, die Abgründe des Menschen zu widerspiegeln. Ein Nebenprodukt davon war der Film Noir, eine ganz neue Stilrichtung des Kriminalfilms...
Als im Oktober 1941 John Hustons Kriminalfilm "Die Spur des Falken" in den US-Kinos Premiere feierte, ahnte niemand, dass er eine neue Stilrichtung des Kriminalfilms inspirieren würde. Diese sollte die Kinolandschaft der 1940er und 1950er Jahre entscheidend prägen.
Der Begriff des Film Noir existierte seinerzeit noch nicht einmal. Erst im Jahre 1946 wurde er von dem renommierten französischen Filmkritiker Nino Frank (1904 - 1988) ins Leben gerufen, nachdem er erstmals die Filme "Die Spur des Falken", Frau ohne Gewissen (1944), "Laura" (1944) und "Leb wohl, Liebling" (1944) im Kino sah.
Frank glaubte in diesen Streifen eine neue Stilrichtung des amerikanischen Kinos entdeckt zu haben. Primär hervorstechend waren für ihn die grundlegende pessimistische Weltsicht der Filme sowie die durch Verbitterung und Entfrendung gezeichneten Charaktere.
Diese erzählerischen Merkmale fanden sich in "Die Spur des Falken" erstmals in klarer Deutlichkeit wieder. Der Film brachte es bei Produktionskosten von 375'000 $ allein in den USA auf Verleiheinnahmen von 967'000 $. Aus dem Ausland kamen noch weitere 805'000 $ hinzu. Damit war der auf einem Roman von Dashiell Hammet (1894-1961) basierende Krimi ein respektabler Kassenerfolg und machte Hauptdarsteller Humphrey Bogart über Nacht zur Ikone des Detektivfilms.
Ähnlich wie Humphrey Bogart erging es auch Veronica Lake, die 1942 mit den Streifen "Die Narbenhand" und "Der gläserne Schlüssel" grosse Erfolge feierte. Beides waren klassische Vertreter des Film Noir und festigten Lakes Image als unberechenbare Femme fatale.
In "Die Narbenhand" spielt sie eine lasziv-zwielichte Nachtclub-Sängerin, die von einem Auftragskiller (Alan Ladd) als Geisel genommen wird und diesem schliesslich den Kopf verdreht. An den Kinokassen war der Streifen mit US-Verleiheinnahmen von 1,1 Mio. $ und Produktionskosten von unter 500'000 $ ein respektabler Kassenerfolg. Veronica Lake fiel auch erstmals einem grösseren Publikum auf.
Im selben Jahr wie "Die Narbenhand" erschien auch ihr zweiter Film Noir-Streifen "Der gläserene Schlüssel". Darin spielte Lake eine verführerische Liebhaberin, welche in die Intrigen einiger machthungriger Politiker verwickelt wird. Auch in diesem Film spielte die Blondine neben dem damaligen Superstar Alan Ladd und mit den beiden Hauptdarstellern Lake/Ladd fand Hollywood schliesslich ein neues Leinwand-Traumpaar. Weitere Auftritte hatten sie zusammen u.a. in "Die blaue Dahlie" (1946) und "Schmuggler von Saigon" (1948).
Bevor mit "Frau ohne Gewissen" einer der besten Vertreter des Film Noirs die Lichtspielhäuser erreichte, wagte sich Thriller-Experte Alfred Hitchcock mit "Schatten des Zweifels" (1943) in das "Genre" vor.
Der Streifen dreht sich um eine Kleinstadt-Familie, deren Onkel (Joseph Cotten) des Mordes verdächtigt wird. Im Verlaufe der Handlung versucht seine Nichte (Teresa Wright) dessen Unschuld zu beweisen und stösst dabei auf ein dunkles Geheimnis.
"Schatten des Zweifels" erhielt bei seinem Erscheinen euphorische Kritiken und wurde gar als Meisterwerk bezeichnet. Hitchcock selbst betrachtete "Im Schatten des Zweifels" als einer seiner Lieblingsfilme und als sein persönlichstes Werk.
War bereits "Schatten des Zweifels" inhaltlich für die damaligen Zeiten eher gewagt, so war "Frau ohne Gewissen" (1944) zweifelsohne kontrovers. Im Zentrum der Handlung steht die junge Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck), die ihren Mann mit Hilfe des Versicherungsvertreters Walter Neff (Fred MacMurray) umbringen will, damit Sie die Versicherungssumme abkassieren kann. Selten wurden die Hauptcharaktere eines Films offen so skrupellos dargestellt wie in "Frau ohne Gewissen".
Trotz oder gerade wegen dieser Tatsache brachte der 980'000 $ teure Film allein in den USA Verleiheinnahmen von 2,5 Mio. $ und wurde für insgesamt sieben Oscars nominiert (u.a. als Bester Film und für Hauptdarstellerin Stanwyck). Bei der Verleihung ging "Frau ohne Gewissen" jedoch leer aus. Heute gilt er aber nicht nur als Klassiker sondern auch als Prototyp des Film Noir.
Ein weiterer Höhepunkt des Genres folgte 1946 mit "Tote schlafen fest". In dem Streifen, der auf einem Roman von Raymond Chandler basiert, spielt Humphrey Bogart den berühmten Privatdetektiv Philip Marlowe, der sich auf die Suche nach einem verschwunden Mann macht. Dabei kommt er kriminellen Machenschaften auf die Schliche.
Howard Hawks Streifen avancierte vor allem aufgrund der exzellenten Chemie der beiden Hauptdarsteller Humphrey Bogart und Lauren Bacall zum grossen Kassenerfolg und gilt heute als einer der grossen Klassiker des Film Noir.
Mit Beginn der Nachkriegszeit dominierten im Film Noir nicht mehr so sehr die Privatdetektiv-Kriminalfilme sondern eher Filme, welche von Gangstern und Polizisten handelten. Besonders erwähnenswert sind hierbei "Rächer der Unterwelt" (1946), Gangster in Key Largo (1948), "Der Todeskuss" (1948), "Spiel mit dem Tode" (1948) und "Asphalt Dschungel" (1950).
Die Filme der Nachkriegszeit zeichneten sich vor allem auch durch ihren städtischen Charakter aus. Themen wie Korruption in Politk und Wirtschaft sowie eine realistischere Darstellung des kriminellen und polizeilichen Alltags standen im Vordergrund.
Mit dem Übergang in die 1950er Jahre wurde die Thematik des Film Noir schliesslich in Werken wie "Faustrecht der Grossstadt" (1950), "Den Morgen wirst Du nicht erleben" (1950) und "Heisses Eisen" (1953) auf die Spitze getrieben. Dies mag mitunter dazu beigetragen haben, dass der klassische Film Noir immer wie mehr aus den Kinos verschwand und schliesslich mit Orson Welles grandiosem "Im Zeichen des Bösen" (1958) seinen vorläufigen End- und Höhepunkt erreichte.