Gleich kurz nach Beginn der Dekade wagte sich die neu erstarkende deutsche Filmindustrie an literarisches Kulturgut - die Werke von Karl May. Und schnell war klar: Nicht nur Hollywood kann erfolgreich professionelle Western drehen...
Während die italienische Filmindustrie mit den sogenannten Spaghetti-Western das uramerikanische Genre in den 1960er Jahren revolutionierte, beschritt die deutsche Filmindustrie konventionellere Wege und machte sich daran, die Romane Karl Mays (1842-1912) zu verfilmen.
Der Startschuss fiel 1962 mit "Der Schatz im Silbersee". Der erfahrene Filmproduzent Horst Wendlandt (1922-2002), der auch bereits zahlreichen Edgar Wallace-Romanen zu Leinwandleben verhalf, überzeugte sowohl Rialto-Chef Preben Philipsen als auch den Chef der Verleihfirma Constantin, Waldfried Barthel, vom kommerziellen Potenzial einer Karl May-Verfilmung.
Dabei konnte Wendlandt die einflussreichen Unternehmer auch von einer mehrteiligen Reihe um den Apachen-Häuptling Winnetou überzeugen. Kurz darauf wurden mehrere Drehbuchautoren angeheuert, die schliesslich erste Entwürfe nicht nur zu "Der Schatz im Silbersee" schrieben sondern auch für "Winnetou I" und "Winnetou II". Schliesslich kam es am 20. Januar 1962 zum finalen Filmrechte-Vertragsabschluss mit dem Karl May-Verlag. Nun war der Weg frei für das erste "Winnteou"-Abenteuer.
Für "Der Schatz im Silbersee" hatte Wendlandt schliesslich ein damals stattliches Budget von 3,5 Millionen DM zur Verfügung. Passende Drehorte fand Wendlandt schliesslich in Jugoslawien, dessen von meerblauen Seen, weissen Kalkfelsen, wilden Flüssen und grünen Wiesen geprägte Landschaft eine ideale Location für den Wilden Westen darstellte.
Nebenbei war Jugoslawien damals auch die Heimat der Jadran Films. Mit dieser in Zagreb beheimateten staatlichen Filmproduktion schloss Horst Wendlandt eine fruchtbare Partnerschaft und engagierte sie erfolgreich als Mit-Produzenten der Karl May-Filme. Die Jadran Films konnte vor allem auch durch jahrelange Erfahrungen mit Sandalenfilmen punkten und war sich deshalb Grossproduktionen vom Kaliber eines "Der Schatz im Silbersee" gewohnt.
Die Dreharbeiten zum Film verliefen mehr oder weniger reibungslos. Während die Rolle des Old Shatterhand für Produzent Wendlandt bereits früh feststand und er von Anfang an den 1,93 Meter grossen Amerikaner Lex Barker favorisierte, war die Suche nach dem edlen Apachen Winnetou schon um einiges schwieriger. Ursprünglich sollte mit Guy Williams ebenfalls ein Amerikaner die Rolle interpretieren, Wendlandt entschied sich jedoch kurzfristig um und engagierte den Franzosen Pierre Brice.
"Der Schatz im Silbersee" erlebte schliesslich am 12. Dezember 1962 in Stuttgart seine Uraufführung. Und der Erfolg war überwältigend. Der Streifen war der erste Film, der mit der neu geschaffenen Goldenen Leinwand ausgezeichnet wurde. Diese erhielt er für über 3 Millionen Kinobesucher innerhalb von 12 Monaten. Die Gesamtbesucherzahl ist leider nicht bekannt, dürfte aber so zwischen 8 und 10 Millionen liegen. Der Umsatz betrug damals allein in der BRD stolze 6,5 Millionen DM.
Der Riesenerfolg von "Der Schatz im Silbersee" machte den Weg frei für weitere Karl May-Verfilmungen, welche schliesslich fast halbjährlich erschienen. Für Pierre Brice und Lex Barker bedeuteten die Filme den absoluten Durchbruch in Europa. Während Barker in den USA zumindest noch mit seinen "Tarzan"-Filmen moderate Erfolge feiern konnte, war Brice zuvor gänzlich unbekannt.
Die Karl May-Filme waren ganz im Gegensatz zum aufkommenden revisionistischen US-Western oder dem Spahgetti- bzw. Italowestern einfach gestrickt. Sie unterschieden klar zwischen Gut und Böse und bedienten die altbewährten Klischees der edlen Wilden und ruchlosen Banditen. Dabei liessen sie aber auch den Humor nicht zu kurz kommen, der insbesondere in den von Ralf Wolter und Eddie Albert verkörperten Nebenfiguren des Sam Hawkens und Lord Castlepool zum tragen kam.
Die Karl-May-Filme beschränkten sich aber nicht nur auf den Wilden Westen sondern wagten auch erfolgreich Ausflüge in den Orient ("Der Schut", 1964, "Durchs wilde Kurdistan", 1965, "Im Reich des silbernen Löwen", 1965) oder ins Reich der Azteken ("Der Schatz der Azteken" und "Die Pyramide des Sonnengottes", beide 1965). Dabei übernahm Produzent Artur Brauner nicht nur die Karl May-Film-Formel sondern auch gleich die beliebten Darsteller Lex Barker und Ralf Wolter. In der Rolle des Bösewichts war erstmals auch der Italiener Rick Battaglia zu sehen.
Die Filme ausserhalb des Wilden Westen waren ebenfalls sehr erfolgreich, wenngleich nicht alle von Ihnen die 3-Millionen-Besucher-Marke knacken konnten. Für Produzent Brauner waren sie dennoch lukrativ. Doch nicht nur Brauner profitierte von den Filmen sondern vor allem auch Lex Barker. Für "Der Schut" kassierte er 196'000 DM und damit über das Doppelte von Regisseur Robert Siodmak (80'000 DM).
Auch für die Folgefilme "Durchs wilde Kurdistan" und "Im Reich des silbernen Löwen" konnte Barker ordentlich absahnen. Diese führten aber zu einem Rechtsstreit zwischen ihm und Produzent Artur Brauner. Denn eigentlich hätte die Geschichte in einem einzigen Film umgesetzt werden sollen, aber schliesslich wurden zwei daraus. Barker gewann die Klage und erhielt eine Nachzahlung von 100'000 DM.
Trotz dieses Rechtsstreits blieb Barker den Karl May-Filmen noch bis 1968 treu. Schliesslich füllten die Filme nicht nur sein Bankkonto sondern verschafften ihm auch eine zweite filmische Heimat. Denn in seinem Heimatland Amerika war Barker im Gegensatz zu Europa kein Superstar. Für Brauner drehte er ausserdem noch den Karl May-Ableger "Die Hölle von Manitoba" (1965), ein Western, der die Karl-May-Formel übernahm und im CinemaScope-Format in die Kinos kam. An Barkers Seite: Winnetou-Darsteller Pierre Brice.
Die Karl May-Filme der 1960er Jahre waren zuverlässige Publikumsmagneten: So gewannen von den Filmen um Winnetou, Old Shatterhand und Old Fierhand bis auf "Winnetou und das Halbblut Apanatschi" (1966) und "Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten" (1968) sämtliche Filme die Goldene Leinwand für über 3 Millionen Kinobesucher. Mit diesem Riesenerfolg verwiesen sie auf dem deuschen Heimatmarkt zahlreiche schwergewichtige US-Produktionen in die Schranken.