Goodbye, Mr. Hays - Der Fall des Production Codes


33 Jahre regierte er die Zensur Hollywoods - der Production Code. Doch im revolutionären Klima der 1960er Jahre hatte er keinen Platz mehr. Es war Zeit, für einen Wandel der Zensur...

Der Production Code, auch Hays Code genannt, wurde am 31. März 1930 erstmals eingeführt. Er bestand aus einer formellen Liste mit moralischen Grundsätzen. Diese Grundsätze wurden vom Republikaner Will H. Hays (1879 - 1954) erstellt. Filmschafftende sollten sich fortan danach richten. Doch nur wenige hielten sich daran und die Durchsetzung des Codes gestaltete sich aufgrund der grossen wirtschaftlichen Depression als äusserst schwierig.

 

Erst 1934, nach Gründung der Production Code Administration, konnte die Durchsetzung des Production Codes gewährleistet werden. Fortan musste jeder Film zuerst von diesem Büro begutachtet und bewilligt werden. Eine Missachtung des Codes hatte eine Geldstrafe von 25'000 $ sowie eine Verbannung aus den Kinos der MPPDA zur Folge.

 

Da zur MPPDA-Kinokette insbesondere die grossen Erstaufführungskinos zählten zeigte sich Hollywood in der Regel mehr als willig, den Code einzuhalten. Eine Verbannung kam schliesslich einem finanzielle Selbstmord gleich. Die Filmemacher waren also an die Einhaltung des Codes gebunden.

 

Da der Hays-Code vor allem die Darstellung von Gewalt und Sexualität stark einschränkte, mussten die Filmemacher neue Wege finden um diesen Themen trotzdem Gehör zu verschaffen. Vieles konnte deswegen nur indirekt dargestellt werden, was jedoch mit den Jahren so sehr verfeinert wurde, dass der Code immer wie mehr in Frage gestellt wurde. Auch durchlief er mehrere Anpassungen. 

 

Bereits Ende der 1950er Jahre strapazierten thematisch so unterschiedliche Filme wie "Glut unter Asche" (1957, Drama), "Anatomie eines Mordes" (1959, Thriller), "Plötzlich im letzten Sommer" (1959, Drama) oder "Manche mögen's heiss" (1959, Komödie) die Grenzen des Production Codes. Letzterem wurde gar das Zertifikat verweigert. Dies konnte Billy Wilders Komödienklassiker aber nicht davon abhalten, einer der grössten Kassenhits des Jahres zu werden. Und auch die anderen erwähnten Filme feierten grosse Erfolge an den Kinokassen. Der Code verlor dadurch noch mehr an Glaubwürdigkeit und geriet zu einer Art Anachronismus.

 

Im revolutionären Klima der 1960er Jahre kam es dann schliesslich zum Fall des Production Codes. Das Schicksalsjahr war 1966. In diesem Jahr erschienen gleich zwei kontroverse Streifen in den Kinos - Mike Nichols Trinkerdrama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" und Michelangelo Antonionis voyeuristischer Thriller "Blow Up".

 

Elizabeth Taylor und Richard Burton in der kontroversen Broadway-Verfilmung "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (1966)
Elizabeth Taylor und Richard Burton in der kontroversen Broadway-Verfilmung "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (1966)

 

"Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" stellte insbesondere den Kampf der Geschlechter ins Zentrum und in dem Streifen liess das Traumpaar Richard Burton und Elizabeth Taylor die (Wort-)Fetzen fliegen. 

 

Die Dialoge enthielten für damalige Verhältnisse viel Profanität und liessen die Studiobosse rätseln, wie sie den Film überhaupt in die Kinos bringen sollen. Doch der Production Code war bereits so verwässert, dass die Veröffentlichung kein richtiges Problem mehr darstellte. Ein paar Schnitte hier ein paar Dialoganpassungen dort und schon konnte der Streifen in die Kinos gebracht werden. Am Ende war "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" mit US-Verleiheinnahmen von 14,5 Mio. $ der dritterfolgreichste Film des Jahres 1966.

 

Den Todesstoss erhielt der Production Code aber schliesslich erst durch "Blow Up". Der Streifen, in dem ein Fotograf (David Hemmings) beim unerlaubten Fotografieren eines Liebespaares unbeabsichtigt ein Mord aufzeichnet, erhielt aufgrund seiner voyeuristisch-sexuellen Inhalten keine Freigabe durch den Production Code. Die MGM brachte "Blow Up" dennoch mit Hilfe einer Tochtergesellschaft in die US-Kinos. Ein Anzeichen dafür, dass der Code am Ende war.

 

Der grosse Kassenerfolg von "Blow Up" - allein in den USA und Kanada brachte er 6,3 Mio. $ ein und rangierte damit auf Rang 19 der Jahrescharts von 1966 - bewies ausserdem eindrücklich, dass ein grosses Publikum für "kontroverse" Themen bestand.

 

1967 war es dann schliesslich soweit und der neue Präsident der MPAA (Motion Picture Association of America), Jack Valenti (1921-2007), schaffte den Production Code nach 33-jährigem Bestehen offiziell ab. 

 

Ein Jahr später wurde der Hays Code schliesslich durch das fortschrittlichere und auf Empfehlungen beruhende freiwillige Bewertungssystem ersetzt. Dieses hat noch heute - mit Ausnahmen kleinerer Änderungen - Bestand.