In den 1960er Jahren eroberte Europa eine Domäne, welche zuvor nur Hollywood vorbehalten war: den Western. Dabei erwiesen sich neben den deutschen Karl-May-Filmen insbesondere die Italowestern grosser Beliebtheit. Im Fachjargon wenig charmant auch als Spaghetti-Western bezeichnet, brachten sie einen ganz eigenen Stil auf die Leinwand...
Im August 1964 feierte Sergio Leones Western "Für eine Handvoll Dollar" in einem Florenzer Hinterhofkino seine Premiere. In den Streifen wurde wenig Hoffnung gesetzt und Kinobesitzer sowie Filmritiker erklärten ihn unisono für vollkommen wertlos. Doch sie hatten mit einem nicht gerechnet: dem Kinopublikum.
"Für eine Handvoll Dollar" entwickelte sich innert kürzester Zeit zum Kassenschlager und lief wochenlang in ausverkauften Kinos. Bis Ende Jahr war er der erfolgreichste italienische Film aller Zeiten und machte Hauptdarsteller Clint Eastwood über Nacht zum gefeierten Superstar.
Ganz unbemerkt schuf Leones Streifen nebenbei eine neue Art von Western - den Italowestern, später besser bekannt unter dem Namen Spaghetti-Western. Diese Art des Westerns fiel durch einen ganz eigenen Stil auf.
Charakteristisch für den Italowestern waren insbesondere die extremen Nah- und Weitaufnahmen. Dies führte sogar soweit, dass in einigen Filmen nur noch die Augen der Protagonisten zu sehen waren. Solche Aufnahmen bezeichnete man dann schliesslich passend als Italienische Einstellung.
Die Charaktere im Italowestern stachen vor allem durch ihre Ambivalenz hervor. Die Grenze zwischen Gut und Böse war meist unscharf, die Motive der einzelnen Protagonisten nicht selten fragwürdig. Und auch an roher Brutalität mangelte es meist nicht.
Kennzeichnend war auch die Aufmachung der Figuren. Meist wirkten die Protagonisten urtümlich, waren schlecht rasiert, dreckig und überhaupt wenig glamourös.
Der Italowestern zeichnete sich aber nicht nur durch einen eigenen Stil aus sondern auch durch eine eigene Produktionsweise. Meist war eine kurze Drehzeit und ein geringes Budget die Devise. So kostete "Für ein Handvoll Dollar" gerademal 200'000 $. Selbst in den 1960er Jahren ein Pappenstiel.
Diese minimalistische und gestraffte Produktionsweise musste jedoch keinesfalls auf Kosten der Qualität der einzelnen Filme gehen.
Denn der Italowestern brachte insbesondere in den 1960er Jahren solch hochgelobt Werke wie "Django" (1966), "Zwei glorreiche Halunken" (1966), "Leichen pflastern seinen Weg" (1968) und Spiel mir das Lied vom Tod (1968) hervor.
Eine weiteres und ebenfalls sehr markantes Stilmittel des Italowestern war die Filmmusik. Die Musik wird dabei meist auffällig in den Vordergrund gerückt und ist nicht selten melodramatisch wirkungsvoll. Nicht umsonst sind zahlreiche bekannte Westernmusikstücke aus der Zeit des Italowestern.
Insbesondere Ennio Morricone erwies sich auf diesem Gebiet als stilbildende Ikone. Man denke dabei nur an seine weltberühmte Filmmusik für "Spiel mir das Lied vom Tod" (1968). Kaum jemandem dürften wohl die Klänge der Mundharmonika unbekannt sein.
Obwohl der Italowestern in Europa grosse Erfolge verbuchen konnte, blieb ihm die Anerkennung an den amerikanischen Kinokassen versagt.
Trotz Superstar Clint Eastwood, der in Amerika durch die Westernserie "Tausend Meilen Staub" (1959-1965) Ruhm erlangte, wurde "Für eine Handvoll Dollar" erst im Jahre 1967 in den US-Kinos gezeigt. Drei Jahre nach seinem Start in Italien.
Doch der Erfolg hielt sich in Grenzen. Mit Verleiheinnahmen von 2,06 Mio. $ war "Für eine Handvoll Dollar" in den Staaten alles andere als ein Kassenknüller. Mit diesem Ergebnis schaffte er es nicht mal unter die Top 50 des Jahres.
Auch der Fortsetzung, "Für ein paar Dollar mehr" (1965), ging es im selben Jahr nicht viel besser. Die Einnahmen betrugen gerademal 2,27 Mio. $. Etwas mehr als beim Original, aber dennoch nur Kleingeld im Verhältnis zu amerikanischen Western dieser Zeit. Zum Vergleich: 1967 brachte es "El Dorado" auf 6 Mio. $, "Die Gewaltigen" auf 5,9 Mio. $ und "Man nannte ihn Hombre" auf 5,6 Mio. $. Alle drei Western waren mit John Wayne, Kirk Douglas und Paul Newman prominent besetzt.
So erging es zahlreichen Italowestern der 1960er Jahre. Viele erreichten den US-Markt gar nicht erst oder wenn, dann erst Jahrzehnte später als Reprisen. Selbst der in Europa so populäre Kultklassiker "Spiel mir das Lied vom Tod" (1968) erlitt in den USA mit Verleiheinnahmen von 2,1 Mio. $ Schiffbruch.
Eine Ausnahme stellte hier lediglich Sergio Leones Klassiker Zwei glorreiche Halunken (1966) dar. Mit US-Verleiheinnahmen von 5 Mio. $ war der Streifen ein solider Kassenerfolg und platzierte sich gar unter den Top 30 des Jahres 1967. Insgesamt aber blieb der Italowestern ein europäisches Phänomen und konnte in den USA nicht Fuss fassen.
Mitunter ein Grund für diesen Misserfolg lag wohl darin, dass Hollywood bereits selbst am Westernmythos sägte und eifrig Demontage betrieb. Filme wie "Der Mann, der Liberty Valance erschoß" (1967), "Cat Ballou – Hängen sollst du in Wyoming" (1965), "Man nannte ihn Hombre" (1966), "Zwei Banditen" (1969) oder"Der Marshal" (1969) parodierten das Genre oder fügten ihm neue Facetten hinzu.
Dabei wurden insbesondere die Hauptfiguren mit menschlicher Komplexität versehen und auch ihrer moralischen Ufehlbarkeit beraubt. Nicht selten waren die Figuren auch gebrochene Helden.
In einer solch progressiven Umgebung hatte der Italowestern mit seiner Rauheit und archaischen Kraft kein Platz mehr. Zumindest nicht jenseits des grossen Teichs.
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