Revival und Untergang des Musicals


Lange Zeit war es das beliebteste Genre auf den Kinoleinwänden - das Musical. Doch seit seinem Durchbruch in den 1930er Jahren drohte dem Musical der langsame Zerfall durch Massenentwertung und Monotonie. Doch in den 1960er Jahren drehte das musikalische Genre ein letztes Mal so richtig auf...

Das in den 1930er und 1940er Jahren so beliebte Musical-Genre drohte in den 1950er Jahren trotz Highlights wie "Ein Amerikaner in Paris" (1951), "Du sollst mein Glücksstern sein" (1952), "Weisse Weihnachten" (1954), "Der König und Ich" (1956) und "Gigi" (1958) allmählich an Popularität zu verlieren. Auch zeigten sich erste "Abnutzungserscheinungen" und das Genre lief Gefahr, ins Triviale abzugleiten. Dem Musical drohte die Abwertung durch Massenware.

 

Mit der Premiere von Robert Wises "West Side Story" im Oktober 1961 sollte sich dies jedoch schlagartig ändern. Allein in den USA brachte es das 7 Mio. $ teure Musical auf Verleiheinnahmen von 16,2 Mio. $. Hinzu kamen weitere 15,6 Mio. $ aus den restlichen Teilen der Welt. Mit ingesamt 31,8 Mio. $ allein bei der Erstauswertung war "West Side Story" einer der erfolgreichsten Filme der 1960er Jahre und verhalf dem Musical so unerwartet zu neuem Glanz.

 

Obwohl "West Side Story" eine klassisch-tragische Liebesgeschichte im Stile von William Shakespeares Romeo und Julia erzählt, brachte er dem Musicalgenre doch die dringend benötigte Frischzellenkur. Dies gelang nicht nur Dank der geschickten Verwendung des Super Panavision-Verfahrens sondern vor allem auch Dank der mit Ausnahme von Natalie Wood überwiegend unbekannten Hauptdarsteller. Mit dem zehnfachen Oscargewinn war der Triumph schliesslich komplett.

 

Angespornt durch den Riesenerfolg von "West Side Story" gaben die Studiobosse optimistisch grünes Licht für die Produktion zahlreicher Musicals. 

 

Als erstes liess Warner Bros. 1962 "Music Man" und "Gypsy" vom Stapel, welche sich zwar als solide Hits erwiesen, jedoch den enormen Publikumserfolg von "West Side Story" nicht wiederholen konnten. Auch 20th Century Fox' 4,4 Mio. $ teurem "State Fair"-Remake erging es nicht viel besser und der Streifen fuhr trotz solider Kasseneinnahmen Verluste ein.

 

Nach diesen temporären Rückschlägen folgte 1964 schliesslich wieder ein richtiges Boomjahr. Aufwändige Filme wie "My Fair Lady" und "Mary Poppins" konnten endlich wieder an den grossen Erfolg von "West Side Story" anknüpfen - sowohl in künstlerischer als auch in kommerzieller Hinsicht. 

 

"My Fair Lady" erzählt dabei die Geschichte des Phonetik-Professors Higgins (Rex Harrison), der aus der ungebildeten und verbal eher forschen Blumenverkäuferin Eliza Doolittle (Audrey Hepburn) eine Dame der Gesellschaft machen will. 

 

Mit weltweiten Verleiheinnahmen von 55 Mio. $ (davon 19 Mio. allein in den USA und Kanada), euphorischen Kritiken und insgesamt acht Oscars (u.a. Bester Film) vermochte "My Fair Lady" auf der ganzen Linie zu überzeugen.

 

Die Filmplakte zu "Mary Poppins" (1964) und "My Fair Lady", zwei der grössten Musical-Kassenschlager der 1960er Jahre
Die Filmplakte zu "Mary Poppins" (1964) und "My Fair Lady", zwei der grössten Musical-Kassenschlager der 1960er Jahre

 

Ähnlich erfolgreich gestaltete sich auch die Veröffentlichung von Walt Disneys "Mary Poppins". Der mit Real- und Zeichentrickaufnahmen kombinierte Streifen erzählt die Geschichte des Kindermädchens Mary Poppins (Julie Andrews), die im London des Jahres 1910 die Kinder eines Bankiers betreut. Dabei lehrt sie ihnen vor allem die Bedeutung menschlicher Werte.

 

"Mary Poppins" brachte es weltweit auf Verleiheinnahmen von 44 Mio. $ (davon 31 Mio. allein in den USA und Kanada). Damit war der Streifen nicht nur der grösste Kassenschlager des Jahres sondern auch einer der grössten Hits des Jahrzehnts. Mit vierzehn Oscarnominierungen zählt "Mary Poppins" ausserdem noch heute zum höchstnominierten Disneyfilm aller Zeiten. Gewinnen konnten der Streifen schliesslich fünf der begehrten Trophäen.

 

Nach den grossen Erfolgen von "West Side Story", "My Fair Lady" und "Mary Poppins", folgte schliesslich 1965 mit "Meine Lieder - meine Träume" der absolute Höhepunkt des Musical-Revivals. Julie Andrews, die Dank "Mary Poppins" über Nacht zum Superstar avancierte, spielt darin die Novizin Maria. Diese passt auf die Kinder des verwitweten Navy Kapitän von Trapp (Christopher Plummer) auf und bringt Ihnen dabei die Freude an Musik und Tanz bei.

 

Als "Meine Lieder - meine Träume" 1965 in die Kinos kam, brach er sämtliche bestehenden Kassenrekorde und hielt sich 30 Wochen lang auf Platz eins der US-Kinocharts. Am Ende seiner viereinhalbjährigen Erstauswertung war "Meine Lieder - meine Träume" mit weltweiten Verleiheinnahmen von über 112 Mio. $ (USA/Kanada: 68 Mio.) der mit Abstand erfolgreichste Film der 1960er Jahre und rettete das kurz vor der Pleite stehende 20th Century Fox Studio vor dem Ruin. Nebenbei wurde der von den Kritikern mit gemischten Gefühlen aufgenommene Streifen für insgesamt zehn Oscars nominiert, wovon er schliesslich fünf gewann.

 

Rex Harrison als Doktor Dolittle im 17 Mio. $ teuren Kassenflop "Doktor Dolittle" (1967)
Rex Harrison als Doktor Dolittle im 17 Mio. $ teuren Kassenflop "Doktor Dolittle" (1967)

 

Trotz des astronomischen finanziellen Erfolgs leitete "Meine Lieder, meine Träume" paradoxerweise das Ende der Musical-Ära ein. Obwohl ab Mitte der 1960er Jahre die Studios den Kinomarkt mit Musicals förmlich überschwemmten, konnte keine der Produktion an den ungeheuren Erfolg des Streifens anknüpfen. Viele erwiesen sich gar als grosse Verlustgeschäft, so z.B. "Camelot" (1967), "Doktor Dolittle" (1967), "Hello, Dolly!" (1969) und "Westwärts zieht der Wind" (1969). Diese Produktionen verschlangen jeweils zweistellige Millionenbeträge - damals beachtliche Summen. An den Kinokassen blieben jedoch allesamt weit hinter den Erwartungen zurück.

 

Nach diesen Misserfolgen stellte Hollywood die Massenproduktion des Musicals allmählich ein und es fanden nur noch vereinzelt Produktionen den Weg in die Kinos. Seitdem steht ein Revival des Genres trotz zahlreicher mehr oder weniger erfolgreicher Versuche bis heute aus.