Der Horrorfilmboom - Exorzismus, Okkultismus und Psychopathen


Vampire, Werwölfe, Zombies oder sonstige Halbtote beherrschten jahrzehntelang die Kinolandschaft. Doch das Horrorkino der 1970er Jahre wendete sich neuen Ufern zu und liess nebst den üblichen Verdächtigen auch dämonische Kräfte und killende Psychopathen auf das zeitgenössische Kinopublikum los...

Halbtote und Zombies, Werwölfe und Vampire - bis in die 1970er Jahre prägten vornehmlich diese Schreckensgestalten das Bild der Horrorfilmlandschaft. Bis 1973 William Friedkins Edelschocker Der Exorzist in die Kinos kam. Der auf einem Roman von William Peter Blatty basierende Streifen erzählt die Geschichte der 12-jährigen Regan (Linda Blair), die vom Teufel besessen ist und durch einen Exorzismus befreit werden soll. "Der Exorzist" entwickelte sich aufgrund seiner drastischen Schocksequenzen sowie seiner für damalige Verhältnisse äusserst authentischen und beklemmenden Gruselatmosphäre schnell zum Kinokassenphänomen.

 

Tickets wurden auf dem Schwarzmarkt mit bis zu 500 Dollar pro Stück verkauft. Kinobesucher verliessen teils den Saal aufgrund starker Übelkeit und Angst noch vor dem Abspann. Dies führte dazu, dass "Der Exorzist" allein bei seiner Erstaufführung an den US-Kinokassen Verleiheinnahmen von 66,3 Mio. $ erwirtschaftete und als der bis dato erfolgreichste Horrorfilme aller Zeiten in die Geschichte einging. 

 

"Der Exorzist" sprengte nicht nur die Grenzen des visuellen Horrors sondern drang auch in neue Themengebiete vor. Nun war der Horrorfilm nicht mehr länger nur auf blutrünstige Fabel- und Monsterwesen beschränkt sondern ergründete auch okkulte Schrecken und vor allem die dunkle Seite der menschlichen Seele.

 

Leatherface, die Psychokiller-Kultfigur aus "Blutgericht in Texas" aka "Texas Chainsaw Massacre" (1974)
Leatherface, die Psychokiller-Kultfigur aus "Blutgericht in Texas" aka "Texas Chainsaw Massacre" (1974)

 

Erste Schritte in Richtung menschliche Abgründe unternahm Tobe Hoopers 1974 entstandener Low-Budget-Streifen "Blutgericht in Texas" - der Mehrheit wohl besser bekannt unter dem Originaltitel "The Texas Chainsaw Massacre". In dem Streifen werden fünf Jugendliche im ländlichen Texas von einer Kannibalen-Familie systematisch terrorisiert, gejagt und schliesslich auf brutalste Art und Weise getötet.

 

Obwohl "Blutgericht in Texas" weit entfernt von den visuellen Gewaltorgien der Slasherfilme der 1980er Jahre war, kann er zweifellos als deren geistiger Vorläufer angesehen werden. Vor allem die Figur des Leatherface, der eine Maske aus menschlicher Haut auf seinem Gesicht trägt und seine Opfer bevorzugt mit der Kettensäge umbringt, entwickelte sich zur Blaupause für alle nachfolgenden Filmpsychopathen

 

Einer dieser Filmpsychopathen erlangte 1978 schliesslich Kultstatus: Michael Myers. In John Carpenters fesselndem Schocker Halloween - Die Nacht des Grauens verkörpert er das pure Böse in Menschengestalt und hat schon im zarten Alter von sechs Jahren seine Schwester auf dem Gewissen. Im Erwachsenenalter versetzt er schliesslich die US-Kleinstadt Haddonfield in Angst und Schrecken.

 

"Halloween" entwickelte sich zum Insider-Tipp, erlebte eine Wiederaufführung nach der anderen und brachte schliesslich bei Produktionskosten von läppischen 325'000 $ allein in den USA Verleiheinnahmen von 18,5 Mio. $. Am Ende wurde er zum Kultfilm und machte Hauptdarstellerin Jamie-Lee Curtis zur Scream-Queen des Horrorkinos.

 

"Carrie - Des Satans jüngste Tochter" (1976): Sissy Spacek als telekinetisch begabtes Mobbing-Opfer
"Carrie - Des Satans jüngste Tochter" (1976): Sissy Spacek als telekinetisch begabtes Mobbing-Opfer

 

Bevor "Halloween" das Licht der Leinwand erblickte führten 1976 Carrie - Des Satans jüngste Tochter und Das Omen die Tradition von "Der Exorzist" fort und befassten sich mit dämonischen Kräften.

 

In "Carrie" wird eine junge und telekinetisch begabte Schülerin Opfer fiesen Mobbings und rächt sich schliesslich an ihren Peinigern. In "Das Omen" erscheint der Teufel höchstpersönlich in der unschuldigen Gestalt eines sechsjährigen Jungen. Beide Filme bauen gekonnt einen latent spürbaren und von satanistischen Symbolen und Metaphern geprägten Horror auf, der sich schliesslich in einem unerwartet schockierenden Finale entlädt. 

 

Damit huldigten sie nicht nur ihrem grossen Vorbild sondern befriedigten auch den Durst des damaligen Kinopublikums nach Schauergeschichten. Während "Carrie" in den USA 14,5 Mio. $ einspielte, erreichte "Das Omen" gar 28,5 Mio. $. Beide Streifen platzierten sich damit mühelos unter den Top 20 des Jahres 1976.

 

Doch während "Das Omen" immerhin zwei Fortsetzungen erhielt, blieb "Carrie" ohne Weiterführung. Vom Exorzisten konnte Hollywood seine Finger jedoch nicht lassen und versuchte sich 1977 an einer Fortsetzung. Diese erzählte die Geschichte der mittlerweile 16-jährigen Regan (erneut von Linda Blair dargestellt) fort. Eine Therapie bei einer Psychiaterin soll ihr dabei helfen, die schrecklichen und verdrängten Erlebnisse aus der Vergangenheit zu bewältigen. Doch Dämon Pazuzu kommt einfach nicht zur Ruhe und Regan muss sich ihm mit der Hilfe von Pater Lamont (Richard Burton) erneut stellen.

 

Obwohl "Der Exorzist II - Der Ketzer" mit einem Budget von 14 Mio. $ über mehr finanzielle Mittel als sein herausragender Vorgänger verfügte, konnte er weder die Kritik noch das Publikum überzeugen. Mittlerweile gilt der Streifen gar als einer der schlechtesten Filme, die je gedreht wurden.

 

Ganz so hart traf es "Damien - Omen II" (1978) nicht, doch die Fortsetzung des Horrorhits von 1976 erhielt sowohl von der Kritik als auch vom Publikum nur mittelprächtige Noten. An den Kinokassen konnte der nur 6,8 Mio. $ teure Streifen mit einem US-Verleiheinspiel von 12,1 Mio. $ jedoch überzeugen und rechtfertigte damit auch eine Fortsetzung. Diese beendete dann aber die Geschichte des Belzebub mit Weltherrschaftsambitionen.  

 

Ausschnitt aus dem Filmplakat zu "Mörderspinnen" (1977), einem von zahlreichen Tierhorrorfilmen der 1970er
Ausschnitt aus dem Filmplakat zu "Mörderspinnen" (1977), einem von zahlreichen Tierhorrorfilmen der 1970er

 

Ein weiteres Phänomen des 1970er Jahre Horrors war der Tierhorrorfilm. Wie es der Name bereits erwähnt handelt es sich dabei um Filme, in welchem Tiere den Menschen in unnatürlicher Art bedrohen. Im Unterschied zur Realität, wird den tierischen Protagonisten meist "Absichten" unterstellt und sie werden als besonders boshaft und mordlustig dargestellt. 

 

Obwohl es bereits in den 1960er Jahren und früher Tierhorrorfilme gab (u.a. Alfred Hitchcocks Die Vögel, 1963, oder Die tödlichen Bienen, 1966) feierten sie erst in den 1970er Jahren ihre Blütezeit. Dabei sorgten u.a. Ratten, Bären, Haie, Orcas, Spinnen und Bienen für Gänsehaut.

 

Den Auftakt machte jedoch nicht Steven Spielbergs phänomenal erfolgreicher Hai-Schocker Der weisse Hai (1975) sondern Daniel Manns "Willard" (1971). Der Streifen dreht sich um den kontaktscheuen jungen Willard, der alleine mit seiner bettlägerigen und launische Mutter wohnt. Als er von seinem Boss (dargestellt von Hollywoods Dauerfiesling Ernest Borgnine) schikaniert wird, hetzt er ihm seine Ratten auf den Hals.

 

"Willard" war jedoch nicht nur ein gelungener Tierhorrorfilm sondern führte auch die Tradition von Psycho (1960) fort und beleuchtet die Psyche seiner sozial ausgegrenzten Hauptfigur. An den Kinokassen war der Streifen mit einem US-Verleiheinspiel von 9,25 Mio. $ überraschend erfolgreich (Rang 10 der Jahrescharts von 1971) und brachte damit den Tierhorror auf Kurs.

 

Auf "Willard" folgten solch qualitativ unterschiedliche Filme wie z.B. "Phase IV" (1974), "Der weisse Hai" (1975), "Grizzly" (1976), "Orca, der Killerwal" (1977), "Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen" (1977), "Mörderspinnen" (1977), "Der tödliche Schwarm" (1978) und "Piranhas" (1978). Diese Filme deckten neben "Willards" Ratten das restliche Spektrum tierischer Bedrohungen ab, welches u.a. von gefrässigen Fischen über hungrige Bären bis zu mordlustigen Bienen reichte.

 

Peinlicher Höhepunkt der Tierhorrorfilmwelle war der rund 21 Mio. $ teure "Der tödliche Schwarm". In dieser Mischung aus Katastrophenfilm und Tierhorror gaben sich u.a. solch hochkarätige Stars wie Michael Caine, Katharine Ross, Richard Widmark, Richard Chamberlain, Olivia de Havilland und Henry Fonda die zweifelhafte Ehre. Der Streifen scheiterte kläglich an seinen eigenen Ambitionen und erwies sich mit einem US-Verleiheinspiel von 7,7 Mio. $ als lupenreiner Kassenflop. Heute gilt er - wie "Der Exorzist II - Der Ketzer" - als einer der schlechtesten Filme, die je gedreht wurden.

 

Dem Horrorkino konnten diese Misserfolge jedoch wenig anhaben. Das Genre erfreute sich nämlich auch in den 1980er Jahren einer ungebrochenen Beliebtheit und feierte dort mit dem Slasherfilm eine regelrechte Blütezeit.


Die erfolgreichsten Horrorfilme der 1970er


Die Auflistung der Filme erfolgt anhand der US-Verleiheinnahmen. Die Beträge sind nicht um die Inflation bereinigt und können auch die Ergebnisse von Wiederaufführungen beinhalten, allerdings nur diejenige, welche innerhalb der Dekade erwirtschaftet wurden. Ist dies der Fall, ist am Ende des Einspielergebnis ein Stern (*) vermerkt. Bei den Ergebnisen von "Blutgericht in Texas" (Rang 10) und "Halloween" (Rang 7) ist leider nicht genau bekannt, ob die Summen wirklich nur in den 1970er Jahren erwirtschaftet wurde.

 

  1. Der weisse Hai (1975) - $129'549'325*
  2. Der Exorzist (1973) - $89'015'000*
  3. Der weisse Hai 2 (1978) - $50'431'964
  4. Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (1979) - $40'300'000
  5. Amityville Horror (1979) - $35'000'000
  6. Das Omen (1976) - $28'544'000
  7. Halloween - Die Nacht des Grauens (1978) - $18'500'000*
  8. Liebe auf den ersten Biss (1979) - $18'100'000
  9. Carrie - Des Satans jüngste Tochter (1976) - $14'500'000
  10. Blutgericht in Texas (1974) - $14'421'000
  11. Exorzist II - Der Ketzer (1977) - $13'900'000
  12. Damien: Omen II (1978) - $12'100'000
  13. Die Körperfresser kommen (1978) - $11'132'641
  14. SOS-SOS-SOS Bermuda-Dreieck (1978) - $10'800'000
  15. Dracula (1979) - $10'738'002
  16. Prophezeiung (1979) - $10'449'000
  17. Das Grauen kommt um Zehn (1979) - $10'100'000
  18. Orca, der Killerwal (1977) - $9'430'000
  19. Willard (1971) - $9'250'000
  20. Mörderspinnen (1977) - $8'500'000 (Schätzung)
  21. Der tödliche Schwarm (1978) - $7'700'00
  22. Grizzly (1976) - $7'563'406
  23. Zombie (1979) - $7'383'573
  24. Die Wiege des Bösen (1973) - $7'100'000*
  25. Das Böse (1979) - $5'812'103