Es lebe das Desaster: Wie in keiner Dekade zuvor oder danach schossen in den 1970er Jahren Katastrophenfilme wie Pilze aus dem Boden. Ob Schiffs- oder Flugzeugunglücke, ob Hochhausbrände oder zerstörerische Erdbeben - keine technische oder naturbedingte Katastrophe wurde ausgelassen. Die 1970er waren - zumindest auf der Leinwand - wortwörtlich katastrophal...
Die 1970er Jahre markierten den Beginn der knapp ein Jahrzehnt anhaltenden Katastophenfilmwelle. Brennende Hochhäuser, zerstörerische Erdbeben, Schiffsunglücke, Flugzeuge in Not - Hollywood liess keine Bedrohung natürlicher oder menschverschuldeter Art unübersehen.
Den Startschuss für die Katastrophenfilmwelle markierte 1970 das stargespickte Flugzeugdrama "Airport". Allein in den USA brachte es der Streifen auf Verleiheinnahmen von 45,2 Mio. $. "Airport" war damit nicht nur einer der grössten Kassenhits der 1970er Jahre sondern legte auch erfolgreich den Grundstein für das Katastrophenkino.
Den Riesenerfolg verdankte der Streifen nicht nur der Beliebtheit von Arthur Haileys Romanvorlage sonden vor allem auch dem beeindruckenden Cast. So geben sich Burt Lancaster, Dean Martin, George Kennedey, Jean Seberg, Jacqueline Bisset, Helen Hayes und viele mehr die Ehre.
Nur zwei Jahre nach "Airport" liess die 20th Century Fox die Poseiden vom Stapel und produzierte mit Die Höllenfahrt der Poseidon einen weiteren Publikumsrenner. Das spannungsgeladene Spektakel spielte in den USA mit Verleiheinnahmen von 37,3 Mio. $ zwar nicht mehr so viel ein wie "Airport", war damit aber immerhin nach "Der Pate" der zweitgrösste Hit des Jahres 1972. "Die Höllenfahrt der Poseidon" bewies damit eindrücklich, dass Katastrophenfilme definitiv der Trend der Stunde waren.
Obwohl die Katastrophenfilme immer wieder neue Unglücksszenarien entwarfen, waren sie in ihrer Erzählstruktur relativ simpel. Meist versammelte sich eine beeindruckende Anzahl an Superstars in einem Film, nur um anschliessend ziemlich unbeholfen durch das dramatische Geschehen zu tummeln.
Dabei sind die einzelnen Figuren jeweils vor der Katastrophe von verschiedensten Problemen geplagt (z.B. Scheidungen, Alkoholkonsum, Ängste, etc.). Diese verlieren dann jedoch im Angesicht der Geschehnisse ihre Bedeutung. Das Katastrophenszenario dient im weitesten Sinne also als Katharsis für die verschiedenen Protagonisten
Auch gibt es häufig eine "Messias-Figur" welche sich zum Wohle der anderen opfert (z.B. Gene Hackman in "Höllenfahrt der Poseidon", 1972). Ebenso ist auch oft die Figur des Warners anzutreffen. Dieser Charakter warnt schon früh vor der sich anbahnenden Katastrophe und verkörpert somit die Stimme der Vernunft. Doch selbstverständlich wird sie ignoriert.
Diese Zutaten machten den Katastrophenfilm in den 1970er Jahren schliesslich zur idealen Unterhaltung ohne übermässig hohe Ansprüche an das Publikum zu stellen. Die Handlung war überschaubar und viele Zuschauer konnten sich jeweils über die Auftritte ihrer Lieblingsstars freuen, auch wenn diese manchmal nur kurz ausfielen.
Dabei mussten die Hollywoodstudios aber auch ordentlich in die Filme investieren, denn nicht nur die Stars verschlangen einen Grossteil des Budgets sondern auch die Effekte. Aus diesem Grund taten sich auch die Filmstudios 20th Century Fox und Warner Bros. 1974 zusammen um die 20 Mio. $ teure Produktion Flammendes Inferno zu stemmen.
Der Film vereinte nicht nur eine stattliche Zahl an bekannten Stars sondern auch die damals angesagtestenen Leading Men Hollywoods - Steve McQueen und Paul Newmann. Beide erhielten für ihre Dienste sowohl eine Million Dollar Gage als auch 7,5% der Einnahmen. Damals alles andere als ein Pappenstiel. Mit weltweiten Verleiheinnahmen von 91,8 Mio. $ (davon 48,8 Mio. allein in den USA) blieb jedoch für alle Beteiligten mehr als genug übrig.
Die Katastrophenfilme der 1970er Jahre hatten nicht nur zumeist ein schier endlose Zahl an Superstars zu bieten sondern auch imposante Spezialeffekte. Etwas ganz besonderes liessen sich 1974 die Universal-Studios für "Erdbeben" einfallen: Um dem Zuschauer die Zerstörung von Los Angeles durch ein gewaltiges Erdbeben so hautnah wie möglich zu vermitteln, entwickelte das Studio ein neues Tonsystem - das Sensurround. Dieses liess die Kinosäle wortwörtlich erzittern. Die tieffrequenten Töne sorgten in einige Kinos sogar dafür, dass Staub von der Decke rieselte. Dies alles verlieh dem Leinwandszenario eine ganz besondere Note und verhalf "Erdbeben" allein in den USA zu Verleiheinnahmen von fast 36 Mio. $. Damit war er einer der grössten Kassenhits des Jahres.
Das Sensurround-System kam noch bei den Filmen "Schlacht um Midway" (1976), "Achterbahn" (1977), "Kampfstern Galactica" (1978) und "Mission Galactica" (1979) zur Anwendung. Anschliessend verschwand es aber gänzlich aus den Kinosälen.
Nach "Erdbeben" liess der Trend der Katastrophenfilme jedoch merklich nach und endete schliesslich 1979 mit den Kassenflops "Airport `80 - Die Concorde" und "Meteor". Beide Filme kosteten jeweils zwischen 14 Mio. und 16 Mio. $, brachten es in den USA aber lediglich auf Verleiheinnahmen von 7,2 Mio. $ bzw. 6 Mio. $.
Der endgültige Todesstoss folgte dann schliesslich 1980 mit "Der Tag, an dem die Welt unterging". Der mit Paul Newman, William Holden und Jaqueline Bissett prominent besetzte Streifen erhielt nicht nur miserable Kritiken sondern brachte es an den US-Kinokassen bei Produktionskosten von 20 Mio. $ nur auf läppische 1,4 Mio. $.
Um nicht selbst in der Katastrophe zu enden, stoppten die grossen Hollywoodstudios sämtliche Katastrophenfilmprojekte. Eine kurze Renaissance erlebte das Genre erst wieder in den 1990er Jahren mit Filmen wie "Twister" (1996), "Daylight" (1996), "Dante's Peak" (1997), "Volcano" (1997), "Armageddon" (1998) und "Deep Impact" (1998).
Die Auflistung der Filme erfolgt anhand der US-Verleiheinnahmen und sind nicht um die Inflation bereinigt. Wenn
möglich und bekannt, werden nur die Zahlen der Erstaufführung berücksichtigt.