Die 1990er Jahre können getrost als die digitale Ära angesehen werden - sowohl gesellschaftlich als auch cineastisch. Im Kino wurden dank den Computereffekten bald Dinge möglich, die vorher undenkbar waren. Bald schien jeder Traum in greifbarer Nähe...
Als 1989 James Camerons Science-Fiction-Unterwasserdrama "Abyss - Der Abgrund" in die Kinos kam, leutete er stillschweigend eine neue Ära des Spezialeffektkinos ein. Die Animation eines aus Wasser bestehenden Ausserirdischen, der die Form eines Wurmes besass, verblüffte Publikum und Filmemacher gleichermassen. Erstmals gelang es den Tüftlern aus George Lucas Trickschmiede Industrial Light & Magic (kurz ILM) ein vollständig im Computer generiertes Wesen in einem Film darzustellen.
Zwar wurden bereits mit "Das Geheimnis des verborgenen Tempels" (1985) erste Gehversuche unternommen, doch dank "Abyss" erfuhr die CGI-Technologie erstmals breite Anerkennung sowohl unter Filmemachern als auch in der Öffentlichkeit.
Vielen Filmschaffenden war nun schlagartig klar, dass die Grenzen ihrer Fantasie früher oder später nicht mehr Bestand hätten. Es standen nun gänzlich neue Möglichkeiten des Filmemachens offen.
Nachdem James Cameron mit Terminator II - Tag der Abrechnung (1991) einen weiteren Meilenstein des CGI-Kinos ablieferte, war auch Steven Spielberg Feuer und Flamme für die neue Technologie und entschied sich kurzerhand, seinen Dinosaurier in Jurassic Park (1993) mithilfe des CGI Leben einzuhauchen.
Um die Dinosaurier so lebensecht wie möglich zu gestalten wurde mit Hilfe animatronischer Modelle Informationen in den Computer eingespeist. Diese dienten dann als eine Art digitale Stop-Motion-Vorlage anhand derer die Dinosaurier Schritt für Schritt bewegt bzw. animiert werden konnten. Anschliessend mussten die Tricktechniker nur noch die Haut- und Muskulatur mit Hilfe spezieller Software programmieren.
Insgesamt enthielt "Jurassic Park" lediglich 4-5 Minuten vollständig am Computer animierte Dinosaurier. Der Rest wurde mit Hilfe von animatronischne Modellen zum Leben erweckt. Doch diese paar Minuten revolutionierten die Tricktechnik fundamental und liessen den Film zu einem der grössten Kassenschlager der Kinogeschichte werden. Weltweit spielte "Jurassic Park" rund 913 Mio. $ ein, was in 2022-$ ungefähr 2,64 Mrd. entspricht.
Der gigantische Erfolg von "Jurassic Park" brachte den CGI-Stein so richtig ins Rollen und führte schliesslich dazu, dass mit Toy Story 1995 der erste vollständig am Computer animierte Film in die Kinos kam. Dessen Schöpfer, John Lassetter, wollte jedoch bereits seit den 1980er Jahren einen vollständig mit CGI animierten Film drehen. Doch fehlten ihm die Geldgeber. Mit seinem 300'000 $ teuren Kurzfilm "Tin Toy" (1988) überzeugte er jedoch die Disneystudios von seinem Talent und sie stellten ihm ein Budget von 17 Mio. $ für "Toy Story" zur Verfügung.
Aufgrund diverser Probleme und Verzögerungen kostete "Toy Story" schliesslich 30 Mio. $, was die CEO des Disney-Studio verärgerte. Denn das Vertrauen in den Streifen war nicht sonderlich gross. Als "Toy Story" dann Ende 1995 in die Kinos kam wurde er wider Erwarten ein riesiger Kassenhit und spielte weltweit 365 Mio. $ ein. Damit war er hinter "Stirb Langsam - Jetzt erst recht" (366 Mio. $) überraschend der erfolgreichste Film des Jahres 1995 - noch vor "James Bond 007 - Goldeneye" (356 Mio. $), "Pocahontas" (347 Mio. $) und "Batman Forever" (337 Mio. $). Nebenbei löste er den klassischen Zeichentrickfilm ab und leutete die Geburtsstunde des Animationsfilm ein.
Die CGI-Technologie erreichte im Realfilm mit "Starship Troopers" (1997) und der "Jurassic Park"-Fortsetzung "Vergessene Welt: Jurassic Park" (1997) weitere Höhepunkte. In ersterem kriegt es die Menschheit mit ausserirdischen Käfern zu tun, in letzterm mit noch mehr Dinosauriern. Der CGI-Anteil der am Computer animierten Kreaturen stieg dabei wiederum an und verblüffe erneut das Kinopublikum.
1999 sollte schliesslich eines der bedeutendsten Jahre für das CGI werden. Mit George Lucas langersehntem "Krieg der Sterne"-Prequel, "Krieg der Sterne: Episode I - Die dunkle Bedrohung" und Stephen Sommers selbstironischer Hommage an das Horror- und Abenteuerkino, "Die Mumie", wurden erneut tricktechnische Massstäbe gesetzt.
Das "Krieg der Sterne"-Prequel war vollgestopft mit CGI-Animationen - Raumschiffe, Ausserirdische, Unterwasserwesen, Planeten, Städte und vieles mehr entstand komplett aus dem Rechner. Aus CGI-Sicht war jedoch zweifelsohne die bei Fans umstrittene Figur des Jar-Jar Binks das Highlight. Diese war nämliche die erste vollständig am Computer generierte Figur in einem Realfilm. Damit war sie die digitale Blaupause für Gollum in Peter Jacksons grandioser "Herr der Ringe"-Trilogie (2001-2003).
In "Die Mumie" wurde das CGI insbesondere für die Fleischwerdung von Mumie Imhotep eingesetzt. Im Film wird der ägyptische Hohepriester Schritt für Schritt zum Leben erweckt. Die unterschiedlichen Stadien seines Zustands sind dabei jeweils zu sehen und sorgten nicht nur für Lacher und Schrecken sondern auch für verblüffte Gesichter. Solche Effekte waren zuvor nirgends zu sehen.
Absoluter CGI-Höhepunkt war jedoch zweifelsohne Andy und Larry Wachowskis innovativ-philosophischer Science-Fiction-Knüller Matrix, der vor allem durch den legendären Bullet-Time-Effekt in die Annalen der Kinogeschichte einging. In dem Effekt weicht die Hauptfigur Neo (Keanu Reeves) Gewehrkugeln aus, wobei sich die Kamera um 360 Grad um ihn dreht und der Drall der Kugeln in Form von Spiralen zu sehen sind.
Dieser Effekt liess dem Publikum vor Staunen die Kinnladen runterfallen und wurde schliesslich bis zur Unkenntlichkeit in zahlreichen nachfolgenden Filmen kopiert. An die Wucht des Originals kamen die Nachahmer jedoch nie ran. Nicht mal die "Matrix"-Fortsetzung selbst konnte Paroli bieten ("Matrix Reloaded", 2003).
Das CGI ist heute ein fester und mittlerweile kaum mehr auffallender Teil der Kinolandschaft. Die Computereffekte verbesserten sich von Jahr zu Jahr und heute sind hochkarätige Effekte Standard auf der Leinwand. Die 1990er Jahre waren jedoch zweifelsohne der Aufbruch in ein neues Zeitalter des Kinos. Nun war definitiv nichts mehr unmöglich.