Die stetige Verbesserung der Computereffekte ebnete in den 1990er Jahren den Weg zu einem vollständig neuen Genre - dem Animationsfilm. Die Geburtsstunde und Initialzündung lieferte dabei Pixars Kassenhit "Toy Story" (1995). Der Zeichentrickfilm sollte nie mehr derselbe sein...
Die 1970er und 1980er Jahre erwiesen sich für das Genre des Zeichentrickfilms als Zeit der Dürre. Mit einigen wenigen Ausnahmen (z.B. "Robin Hood", 1973, "Cap & Capper", 1981, "Feivel, der Mauswanderer", 1987) konnte praktisch kein Streifen in finanzieller Hinsicht überzeugen. Das einst so lukrative Genre erwies sich immer wie mehr als Risikogeschäft. Trotz dieser Tatsache gaben die CEO's des Disneystudios Anfang der 1990er Jahre grünes Licht für eine 25 Mio. $ teuere Zeichentrickvariante von "Die Schöne und das Biest".
Im Verlaufe der Produktion entwarfen rund 600 Animatoren über eine Million Einzelzeichnungen. Erstmals wurden auch einzelne Szenen (so z.B. die Tanzszene im Ballsaal) mit Hilfe der aufkommenden CGI-Technologie perfektioniert.
Als "Die Schöne und das Biest" im November 1991 schliesslich in die Kinos kam, entwickelte er sich zur Überraschung aller zu einem grossen Kritiker- und Publikumserfolg. Mit einem weltweiten Box-Office von 352 Mio. $ eroberte er mühelos den dritten Rang der Jahrescharts - nur Terminator 2 - Tag der Abrechnung (490 Mio. $) und "Robin Hood - König der Diebe" (391 Mio. $) waren erfolgreicher. Damit verhalf "Die Schöne und das Biest" nicht nur den Disneystudios zu neuem Glanz sondern machte den Zeichentrickfilm endlich wieder massentauglich.
Angespornt durch den immensen Erfolg von "Die Schöne und das Biest" wühlte Disney tief in der Mottenkiste literarischer Klassiker und stiess auf Werke wie "Aladdin", "Der Glöckner von Notre Dame", "Pocahontas", "Herkules" und "Tarzan". Als erstes folgte die Umsetzung des orientalischen Klassikers "Aladdin". Auch diesmal griffen die Zeichenrickkünstler auf die CGI-Technik zurück und animierten u.a. die Szene, in welcher Aladdin aus der einstürzenden Höhle flieht, mit Hilfe des Computers.
Wie zuvor bereits "Die Schöne und das Biest" liess auch "Aladdin" die Kinokassen klingeln. Mit einem weltweiten Box-Office von 504 Mio. $ spielte er sogar über 150 Mio. $ mehr ein als die Zeichentrickversion des berühmten französischen Volksmärchens. Zudem gewann das Orientabenteuer noch je einen Oscar für den besten Filmsong ("A Whole New World") und die beste Filmmusik. Für beides zeichnete Alan Menken verantwortlich.
Mit den Erfolgen von "Die Schöne und das Biest" und "Aladdin" schienen die Disneystudios wieder Feuer gefangen zu haben und gaben grünes Licht für das Indianerabenteuer "Pocahonatas", welches auf der realen Geschichte der gleichnamigen Indianerfrau beruht. Nebenbei arbeitete das Studio auch an "Der König der Löwen", der ebenfalls wieder am Computer erzeugte Bilder enthielt. So entstand z.B. die panische Flucht einer Gnu-Herde primär am Rechner.
Neben den hauseigenen Projekten finanzierten die Disneystudios jedoch auch andere Projekte, so u.a. einen kleinen Film über lebendiges Spielzeug. Das besondere an dem Streifen: Es sollte der erste vollständig am Rechner entstandene "Zeichentrickfilm" werden. Die Leitung übertrugen die Disneystudios der Tochterfirma Pixar. Doch das Vertrauen in das Projekt, welches den Titel "Toy Story" trug, war gering. Deshalb gewährte das Mäusestudio auch nur ein eher bescheidenes Budget von 17 Mio. $. Zum Vergleich: "Die Schöne und das Biest" kostete 25 Mio. $, "Aladdin" 28 Mio. $ und "Der König der Löwen" bereits 45 Mio. $. Für "Pocahontas" waren gar 55 Mio. $ veranschlagt.
Doch das kleine kreative Pixar-Team um John Lasseter liess sich nicht beirren und machte sich euphorisch an die Arbeit. Dabei stiessen sie bei der Umsetzung ihres filmhistorischen Meilensteins des öftern auf Hindernisse. So musste das Drehbuch mehrfach umgeschrieben und die Produktion gar gestoppt werden. Am Ende kostete Toy Story schliesslich 30 Mio. $ - fast das Doppelt als ursprünglich geplant. Die Disney-Studiobosse waren alles andere als begeistert. Obwohl sie das Endergebnis mochten, setzten sie keine grossen Hoffnungen in den kommerziellen Erfolg des Streifens.
Als "Toy Story" dann Ende 1995 seine Kinopremiere feierte, erlebten sie eine wahres Wunder: Der Streifen spielte weltweit 365 Mio. $ ein und liess damit prominente Blockbuster wie "James Bond 007 - Goldeneye", "Batman Forever" oder "Apollo 13" weit hinter sich. Dieser überraschende Kassenerfolg löste bei den Studiobossen ein Umdenken aus und zahlreiche computeranimierte Zeichentrickfilme erhielten plötzlich grünes Licht.
Insbesondere Pixar leistete Pionierarbeit und brachte bis zum Ende der Dekade noch "Das grosse Krabbeln" (1998) und "Toy Story 2" (1999) heraus. Beide Filme hoben die Messlatte für den Animationsfilm weiter in die Höhe und spornten auch die Konkurrenz an.
Diese lieferte dann unter der Führung von Steven Spielbergs Filmstudios DreamWorks mit "Antz" bereits 1998 den ersten hauseigenen am Computer generierten "Zeichentrickfilm". Im selben Jahr doppelten sie mit der Moses-Geschichte "Der Prinz von Ägypten" nach und feierten auch damit Erfolge. Schliesslich war der Animationsfilm nicht mehr zu bremsen und etablierte sich bereits in den 2000er als feste Grösse im Kino.
Die Auflistung der Filme erfolgt anhand des US-Box-Office (inkl. Kanada). Die Einspielergebnisse sind nicht um die Inflation bereinigt. Wenn möglich und falls bekannt werden nur die Beträge der Erstaufführung berücksichtigt.
WA = Wiederaufführung
Verwandte Artikel: