Nirgendwo ist der einsame Wolf mehr zu Hause als in diesem Genre. Neben diesem Archetyp, ordentlichen Schiessereien und altbewährten Faustkämpfen hat das Westerngenre aber auch einige Überraschungen zu bieten...
Kaum ein Genre ist so stark verwurzelt mit der amerikanischen Geschichte wie der Western. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass viele Filme über die Besiedlung des amerikanischen Kontinents und deren Herausforderung erzählen. Zentrale Themen des Western sind deshalb auch der Kampf der Hauptprotagonisten gegen die erbarmungslosen Kräfte der Natur sowie der Kampf gegen skrupellose Banditen und wilde Indianer.
Eines der beliebtesten narrativen Motive stellt die Figur des einsamen Cowboys dar, der sich für Unterdrückte einsetzt und für Recht und Ordnung sorgt. Der einsame Cowboy verkörpert dabei im metaphorischen Sinne auch die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation. Nebst dieser archetypischen Figur, werden im Westerngenre auch gerne historische Persönlichkeiten wie z.B. Calamity Jane, Billy the Kid oder Buffalo Bill zu Nationalhelden verklärt.
Im Gegensatz werden die Indianer zumeist als primitive und aggressive Wilde porträtiert. Nur einige wenige Filme wagten, ein authentischeres Bild der Indianer zu zeichnen (u.a. "Der gebrochene Pfeil", 1952, und Der mit dem Wolf tanzt, 1990).
Einer der ersten Western der Filmgeschichte war Edwin S. Porters "Der grosse Eisenbahnraub", der im Dezember 1903 seine US-Premiere feierte. Berühmtheit erlangte der Streifen vor allem durch seine damals spektakulären Kamereinstellungen. So schoss z.B. Haupdarsteller Justus D. Barnes direkt in die Kamera und damit auch direkt ins Publikum. Doch statt einer Kugel fing sich das Publikum lediglich einen Schrecken ein.
Die Popularität des Streifens öffnete nicht nur Hauptdarsteller G.M. Anderson Tür und Tor sondern auch dem Genre selbst. In der Folge fluteten zahlreiche Westernfilme den Markt und brachten schliesslich Stars wie Tom Mix und William S. Hart hervor. Mit Erstarken des Spielfilms fanden zunehmend auch epische Western den Weg in die Kinos. In den 1920ern kamen schliesslich mit "Die Karawane" (1923) und "Das eiserne Pferd" (1924) die ersten grossen Westernblockbuster in die Kinos.
Die 1930er Jahre waren für den Western eher eine durchzogene Zeit, da in diesem Jahrzehnt dank des Aufblühen des Ton- und Farbfilms in erster Linie die kunterbuten und akkustisch packenden Musicals dominierten. Dennoch hatten auch die 1930er für den Western Platz und insbesondere das Jahr 1939 erwies sich als Boomjahr. Mit "Jesse James", "Herr des wilden Westens", "Trommeln am Mohawk", "Oklahoma Kid" und "Union Pacific" knackten gleich fünf Western die Top 20 des Jahres. Nebenbei etablierte John Fords Klassiker "Höllenfahrt nach Santa Fé" im gleichen Jahr die wahrscheinlich grösste Ikone des Genres: John Wayne.
Die 1940er hingegen hatten wenig Raum für das Genre. In den Lichtspielhäusern dominierten neben den Muscials und Komödien in erster Linie der Kriegsfilm. Für Klassiker und Kassenhits reichte es dennoch und so entstand mit "Duell in der Sonne" (1946) einer der erfolgreichsten Western aller Zeiten während mit Red River (1948) einer der besten Filme des Genres seinen Weg in die Kinos fand.
Eine seiner besten Zeiten erlebte der Western aber zweifelsohne in den 1950er und 1960er Jahren. In diesen beiden Jahrzehnten entstanden nicht nur zahlreiche Klassiker sondern der Western erhielt seine längst überfällige Frischzellenkur. Dabei demontierten einige Werke die Mythen des Westerns während sie ihm gleichzeitig neues Leben einhauchten und Tribut zollten. Insbesondere John Fords herausragendes Meisterwerk Der Mann, der Liberty Valance erschoss (1962) ist hierfür ein Paradebeispiel.
Die 1950er räumten auch mit den gängigsten Klischees des Genres auf. So erhielten die Indianer endlich auch menschlichere Züge und waren nicht mehr nur stereotype Bösewichter. Aber auch die Helden erfuhren ihre Erneuerung und verloren teilweise sowohl ihren Glanz als auch ihre comichafte Überlegenheit. Insbesondere in John Fords fantastischem Klassiker Der schwarze Falke (1956) kam diese Transformation in der von John Wayne dargestellten Figur des einsamen Wolfs Ethan Edwards zum tragen.
In Europa setzte sich in den 1960ern schliesslich eine neue Form des Western durch: der Italowestern. Dieser reformierte das Genre und brachte ihm gleichzeitig einen zynischen sowie dreckigen Realismus zurück. Diese Neuinterpretation brachte schliesslich nicht nur gefeierte Klassiker wie "Für eine Handvoll Dollar" (1964), "Django" (1966), Zwei glorreiche Halunken (1967) und "Spiel mir das Lied vom Tod" (1969) hervor sondern verhalf auch Clint Eastwood, Charles Bronson und Franco Nero zu Weltruhm.
Doch auch der Humor kam nicht zu kurz und so enstanden insbesondere in den 1960er Jahren immer öfter auch parodistische Werke, welche an den Kinokassen grosse Erfolge feierten. Beste Beispiele hierfür sind "Cat Ballou - Hängen sollst du in Wyoming" (1965), El Dorado (1967) und der Megahit "Zwei Banditen" (1969).
Die 1970er Jahre führten schliesslich die in den beiden vorherigen Jahrzehnten begonnene Demontage des Western konsequent weiter und liessen kein gutes Haar mehr an den einstigen Mythen. Zahlreiche Werke zeigten revisionistische Züge und hinterfragten die einst so hochgehaltenen Ideale auf radikale Weise.
Ob "Little Big Man" (1970) oder "Jeremiah Johnson" (1972) - es wurde abgerechnet. Und auch die alten Haudegen des Genres verabschiedeten sich. So blieb insbesondere auch John Waynes letzter Auftritt als Revolverheld in "Der letzte Scharfschütze" (1976) bleibend in Erinnerung.
In den 1980er und 1990ern schien die Sehnsucht nach dem klassischen Western jedoch wieder überhand zu nehmen und so entstanden mit Werken wie "Long Riders" (1980), "Silverado" (1985), "Pale Rider - Der namenlose Reiter" (1985), "Young Guns" (1989) oder "Tombstone" (1993) wieder eher Werke nach klassischem Muster. Wohltuende Ausnahmen stellten die Kassenhits Der mit dem Wolf tanzt (1990) und Erbarmungslos (1992) dar, die dem Genre wieder neue Perspektiven abzugewinnen vermochten. Auch Jim Jarmuschs eigenwilliger und visuell einvernehmender "Dead Man" (1995) ist hierbei zu erwähnen.
In der Regel waren die Western aber wieder klassische Unterhaltungsfilme und in ihrer Form traditionell. Einer der Gründe für diesen Gesinnungswandel war sicherlich der, dass bereits in den Jahrzehnten zuvor der Revisionismus im Genre Einzug hielt und somit bereits zahlreiche Neuintrepretationen des Genres über die Leinwände flimmerten.
Die 2000er und 2010er Jahre waren für den Western eine eher karge Zeit. Die Leinwände wurden in diesen beiden Dekaden primär vom Superheldenkino und den unzähligen Fortsetzungsfilmen dominiert. Für rauchende Colts und fliegende Fäuste hatte es folglich kaum mehr Platz. Dies wurde bereits zu Beginn der 2000er Jahre mit dem finanziellen Scheitern von "Alamo – Der Traum, das Schicksal, die Legende" (2004) untermauert, der bei Produktionskosten von 107 Mio. $ weltweit gerademal 26 Mio. $ einspielte. Anderen Werken erging es nicht viel besser. Ausnahmen bildeten lediglich "Open Range - Weites Land" (2003), "True Grit" (2010), "Django Unchained" (2012), "The Hateful Eight" (2015) und The Revenant - Der Rückkehrer (2015).
Nachfolgend sind sämtliche Western aufgeführt, die die Top 20 der US-Box-Office-Charts ihres jeweiligen Jahrgangs knackten. Die Auflistung der Filme erfolgt in chronologischer Reihenfolge. In Klammern folgt die Platzierung in den Top 20.
Die erfolgreichste Dekade waren erstaunlicherweise die 1950er Jahre. In diesem Jahrzehnt knackten insgesamt 19 Westernfilme die Top 20 des Jahres. Bester Jahrgang war bisher das Jahr 1939, in welchem total fünf Western in den Top 20 vertreten waren.
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